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Joachim Gaucks Abschiedsrede : Liebeserklärung und Warnung des Bundespräsidenten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gauck als Mahner und Mutmacher: Das Vermächtnis des Bundespräsidenten und seine Abschiedsrede

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Im Langhans-Saal des Schlosses Bellevue in Berlin werden Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren an die Wand projiziert: „Deutschland geht es gut“, steht da. Dann wieder „Europa aus den Fugen“ und „Mit Deutschland geht es strukturell bergab“. Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten, Hoffnung und Zweifel, widersprüchliche Nachrichten. Joachim Gauck will Mut machen am Mittwoch Morgen mit der letzten großen Rede am Ende seiner Amtszeit.

Doch der Bundespräsident gibt auch den Mahner, fordert die „republikanische Verteidigungsbereitschaft“ und eine „wehrhafte und streitbare Demokratie“. Schließlich sei es „das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten“. Auf der einen Seite Zuversicht und Optimismus, auf der anderen Seite auch Sorge und das Bewusstsein nach fünf Jahren an der Spitze des Staates, „dass diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen“.

Gauck in der Rolle des Mutmachers gegen machtvolle Ängste für mehr Selbstbewusstsein bei der Bewahrung von Freiheit und Demokratie auch am Ende seiner Amtszeit. Vieles sei anders gelaufen, als man es sich vor einem Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer vorgestellt habe, räumt er ein.

200 Gäste sind gekommen, darunter auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, Bundesminister, die Spitzen der Bundestagsfraktionen, Vertreter des diplomatischen Corps, der Medien und aus Kunst und Kultur. Ein Hauch von Abschied liegt in der Luft, zwei Monate vor Ende seiner Amtszeit. Mit Spannung hatte man im politischen Berlin auf diesen letzten großen Auftritt gewartet. Und Gauck enttäuscht nicht.

Seine Rede ist auf der einen Seite eine Liebeserklärung an dieses Land, seine Werte und seine Kultur, auf der anderen Seite aber auch eine Warnung, dies nicht aufs Spiel zu setzen, sondern selbstbewusst und nach Kräften zu verteidigen, dafür zu kämpfen. „Das, was wir geschaffen haben und was uns am Herzen liegt, werden wir bewahren, entwickeln und verteidigen“, appelliert er.

Heftig streiten, ja, aber mit Regeln, fordert er eine durchaus kontroverse, aber faire politische Auseinandersetzung ohne Hass, Hetze oder gar Gewalt. Schließlich seien der Austausch und die Diskussion „der Sauerstoff der offenen Gesellschaft“.

Er wünsche sich, dass künftige Generationen den Mut finden, dass Deutschland so lebenswert bleibe, womöglich noch ohne einige der bekannten Mängel. Doch müssten die Herausforderungen auch angenommen werden, fordert der Bundespräsident und liest denjenigen Bürgern die Leviten, die wie Kunden beim Shopping erwarteten, dass der Staat all ihre Wünsche erfülle.. „Doch Demokratie ist kein politisches Versandhaus“, stellt Gauck klar, fordert Mitgestaltung am eigenen Schicksal und kritisiert ein Anspruchsdenken in Teilen der Gesellschaft, die im Staat vor allem einen Dienstleister sehen würden.

Kommentar von Andreas Herholz: Respekt

Mehr Streit wagen, mit dickem Fell, aber bitte auch mit gegenseitigem Respekt – das ist Joachim Gaucks  eigentliche Botschaft. Ob das im heraufziehenden Bundestagswahlkampf mehr als ein frommer Wunsch ist, wird sich zeigen. Es ist eine der vornehmsten Pflichten des Staatsoberhaupts, auf einen kultivierten Meinungskampf zu dringen, ihn immer wieder einzufordern. Dazu gehört auch, Andersdenkende nicht pauschal auszugrenzen, unbequeme Meinungen nicht einfach wegzudrücken. Streit ist kein Selbstzweck.

 Der Präsident tritt hier im Übrigen nicht als Schwarzmaler auf. In Zeiten von Fake News und Hetze in den sozialen Medien mag oft von einer Vergiftung des Meinungsklimas und einem gespaltenen Land die Rede sein. Joachim Gauck hält jetzt  kräftig dagegen – wohl auch, weil er weiß, wie es ist, in einem Land ohne den Wettstreit der Ideen und ohne öffentlich gewünschte Kritik zu leben.

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