zur Navigation springen

Leben nach der Pleite: Wie Detroit den Neustart versucht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Pleitestadt Detroit hat sich herausgeputzt. Die Straßen in Downtown sind sauber, die Grünflächen gepflegt. Kein Wunder, Gäste kommen: An diesem Montag beginnt die North American International Auto Show - eine der wichtigsten Automessen weltweit.

Das bedeutet Einnahmen. Die Hotels sind ausgebucht und die Kneipen voll. Für zwei Wochen herrscht das pralle Leben in der Stadt.

Wenn Konzernvorstände, Autoenthusiasten und Journalisten wieder abgezogen sind, kehrt aber die Tristesse nach Detroit zurück. Große Teile der Stadt sind seit dem Schrumpfen der Autoindustrie verwaist.

Die Gegenden müssen aber teuer unterhalten werden. Das trug neben Korruption und Misswirtschaft zur Insolvenz im Sommer bei.

Kevyn Orr soll den Neustart bewerkstelligen. Der Insolvenzexperte wurde vom Gouverneur zum Verwalter der Stadt bestimmt. Seine Aufgabe ist es, den 18 Milliarden Dollar (13 Mrd Euro) hohen Berg an Schulden zu verkleinern. Dabei ist er schon ein Stück weit vorangekommen: Er hat Kreditgeber zum Verzicht auf Forderungen bewogen und günstigere Zinssätze herausgehandelt.

Doch der Insolvenzverwalter stößt auf Widerstand: Banken und andere Geldgeber wollen ihre Pfründe sichern, ehemalige Mitarbeiter der Stadt wehren sich gegen die geplante Kürzung ihrer Pensionen und Kunstliebhaber schäumen, weil Orr über einen Verkauf von Bildern und Skulpturen des Detroit Institute of Arts nachdenkt. Es geht um 2800 der insgesamt 66 000 Werke, darunter Gemälde von Henri Matisse, Claude Monet und Vincent van Gogh. Schätzungen zufolge könnte der Verkauf bis zu 867 Millionen Dollar einbringen.

Das Geld könnte die Stadtverwaltung mit Bürgermeister Mike Duggan an der Spitze gut gebrauchen, um verfallene Häuser abzureißen, die Feuerwehr aufzustocken oder kaputte Straßenlaternen zu reparieren.

„Ich würde gerne eine Stadt sehen, wo die Polizei auftaucht, wenn man sie ruft“, sagt Duggan. Er ist erst seit Jahresbeginn im Amt - als erster weißer Bürgermeister in einer überwiegend schwarzen Stadt seit 40 Jahren. „Die Menschen von Detroit haben mich gewählt, damit ich die Lebensqualität in der Stadt verbessere.“

Bürgermeister und Insolvenzverwalter stritten sich bislang um Zuständigkeiten. Doch um Detroit wieder auf die Beine zu bekommen, haben sie einen Burgfrieden geschlossen: Orr kümmert sich um die Finanzen, Duggan darum, dass die Stadt im Alltag funktioniert.

Es wird kein leichtes Unterfangen. Die Einwohnerzahl ist von 1,8 Millionen in den 1950er Jahren auf 700 000 geschrumpft, weshalb so viele Gebäude leer stehen. Die Arbeitslosigkeit liegt mehr als doppelt so hoch wie im Landesschnitt und die Kriminalitätsrate gehört zu den höchsten in den USA. In Detroit passieren so viele Morde wie im zwölfmal so großen New York.

Dabei war „Motor City“ früher durchaus wohlhabend. Von der Blütezeit, als die Motorisierung Geld und Menschen in die Stadt strömen ließen, zeugen die Prachtbauten im Stadtzentrum und der pompöse alte Bahnhof, die Michigan Central Station. Der Bahnhof ist heute eine Ruine, die Touristen auf Fotosafari anlockt.

Doch es gibt Lebenszeichen in der Innenstadt: Firmen oder Künstler schätzen die günstigen Mieten, Spekulanten wetten auf den Aufschwung. Zu den größten Arbeitgebern gehört der Immobilienfinanzierer Quicken Loans, der 2010 in die Stadt umgezogen ist. Im vergangenen Jahr machte der erste Supermarkt der teuren Biokette Whole Foods auf.

Parallel haben sich die Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler von ihrer existenzbedrohenden Krise erholt. Die Verkäufe steigen kontinuierlich - das hat auch in den Fabriken in und um Detroit Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen.

Bürgermeister Duggan träumt schon von einer Renaissance der Stadt, wenn die Insolvenz erst einmal überstanden ist. Das sollte im Laufe dieses Jahres klappen. „Mehr als alles andere hoffe ich, dass in fünf Jahren die Bevölkerung von Detroit wieder wächst.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen