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Keine Angst vor der Wahrheit?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

von
erstellt am 04.Apr.2016 | 10:20 Uhr

Vergangene Woche hatte „Die Welt“ einen schönen Rechercheerfolg zu verzeichnen. Die harte, exklusive Nachricht ist immer noch die größte journalistische Leistung, das darf man auch oder gerade in einer Kolumne so festhalten. Jedenfalls kam die „Welt“ vorzeitig an die Kriminalitätsstatistik 2015 und vermeldete: Wohnungseinbrüche seien im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent angestiegen. „Spiegel Online “ (Spon) griff die Geschichte ausführlich auf. An einer Stelle vermerkten die Kollegen, in Nordrhein-Westfalen werde die Herkunft der Täter nun aufgeschlüsselt. Und, Achtung, jetzt kommt’s: „Mehr als die Hälfte der mutmaßlichen Einbrecher hat ... die deutsche Staatsbürgerschaft.“

Was bitte, fragte ich mich an der Stelle, soll dieser Satz? Will mich da jemand auf den Arm nehmen? Oder einfach nur nicht auf unziemliche Gedanken bringen? Sie mir gewissermaßen pädagogisch-didaktisch versagen?
Genau solche Sätze sind es, die unserer Branche immer wieder den Ruf einbringen, die Wahrheit zu verschleiern. Denn erstens liegt der Ausländeranteil in Deutschland nach den zuletzt verfügbaren Zahlen des Ausländerzentralregisters bei etwas mehr als zehn Prozent, was für die Relation der Täter bei den Wohnungseinbrüchen eine wichtige Bezugsgröße ist. Zweitens wäre interessanter gewesen, welche Tätergruppen für den erheblichen Anstieg der Einbrüche von 2014 auf 2015 verantwortlich ist.

Möglicherweise haben die Ermittler von der Einbruchsfront auch Spon gelesen. Denn anderntags meldete sich der Bund deutscher Kriminalbeamter zu Wort und stellte klar: Der Anstieg geht auf das Konto georgischer Banden, die Deutschland systematisch abgrasen und Wohngebiete plündern.
Wir tun uns und der Gesellschaft keinen Gefallen, solche Wahrheiten nicht zu benennen. Die Kölner Silvesternacht hat uns das gelehrt. Wir sollten unsere Leser nicht bevormunden. Und zugleich keine Vorurteile schüren. Ich kenne Georgien nicht, weiß nur, dass der SC Freiburg eine Zeitlang erfolgreich damit war, eine halbe georgische Nationalmannschaft aus lauter „Wilis“ im Dreisamstadion auflaufen zu lassen - und habe zuletzt mit Genuss und Gewinn den Roman der georgisch-deutschen Schriftstellerin Nino Haratischwili gelesen, „Das achte Leben“, ein Buch, das unser literarisches Leben bereichert. Ein wunderbares Buch, ein Buch, das einen Eindruck gibt von diesem Land. Einen differenzierten.
Niemals käme ich auf die Idee, Nino Haratischwili für die marodierenden Banden aus ihrer Heimat verantwortlich zu machen. Oder nunmehr in jedem Georgier in Deutschland einen Einbrecher zu sehen. Oder aber wegen Haratischwili in jeder Georgierin einen potenziellen Literaturnobelpreisträger. Zugleich wünsche ich mir, dass ich ehrlich und wahrhaftig informiert werde, wenn es einen ganz konkreten Grund gibt, warum voriges Jahr die Wohnungseinbrüche in Deutschland markant angestiegen sind.
Es hilft nichts, diese Wahrheiten zu unterdrücken, im Gegenteil. Der Versuch, Fremdenfeindlichkeit auf diese Weise zu unterdrücken, schürt sie erst recht. Wir sollten unsere Leser nicht entmündigen, wie es Spon in seiner Meldung versucht. Wir sollten ihnen vertrauen, mit der Wahrheit verantwortungsbewusst umzugehen. Auch wenn es manche nicht glauben wollen: Die Wahrheit schreiben, ohne Vorurteile zu schüren, das geht. Es geht sogar besser, als wenn die Wahrheit um das eine oder andere entscheidende Detail bereinigt wird, wie es Spiegel Online in dem Fall getan hat.

Wie lautet noch der Werbeclaim des Spiegel? „Keine Angst vor der Wahrheit“. Genau.

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