Verhältnis von Putin und Merkel : Kaputter Ofen und ein aufgelöster Staat

Respektieren sich trotz unterschiedlicher Ansichten: Präsident Wladimir Putin und Kanzlerin Angela Merkel.
Respektieren sich trotz unterschiedlicher Ansichten: Präsident Wladimir Putin und Kanzlerin Angela Merkel.

Was die wiedergewählte Angela Merkel und den vor der Wiederwahl stehenden Wladimir Putin verbindet

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15. März 2018, 21:00 Uhr

Für Wladimir Putin war die DDR eine Art kleinbürgerliches Paradies. Als der KGB-Agent im August 1985 in Dresden seinen ersten Auslandseinsatz antrat, war der damals 32-Jährige begeistert: Aus der Enge der elterlichen Wohnung in Leningrad, in der Putin mit seiner Frau Ljudmila und Tochter Mascha lebte, zog er in eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung am Waldesrand. Der Geheimdienstmann im Rang eines Majors freute sich über den im Gegensatz zu sowjetischen Verhältnissen hohen Lebensstandard und verdiente ein vergleichsweise üppiges Gehalt von 1800 DDR-Mark und 100 US-Dollar. Seine damalige Ehefrau erinnerte sich noch Jahre später an die sauber geputzten Fenster, die perfekt aufgehängte Wäsche und das für Sowjetbürger erstaunliche Warenangebot in der heutigen sächsischen Landeshauptstadt.

Zwar war Dresden für einen Agenten nicht gerade das Sprungbrett für eine glanzvolle Karriere. Doch Putin schien zumindest sein privates Glück gefunden zu haben. Seine zweite Tochter Katja wurde 1986 geboren, und bald stand eine HiFi-Anlage aus dem West-Berliner Nobelkaufhaus KaDeWe in der DDR-Schrankwand. Was der KGB-Mann in Dresden bis zum Januar 1990 genau auskundschaftete, darüber gibt es bis heute nur vage Informationen. Am Ende seines Aufenthalts wurde er zum Oberstleutnant befördert und hatte seine Deutsch-Kenntnisse enorm verbessert.

Als im Dezember 1989 aufgebrachte Dresdner die örtliche Stasi-Zentrale stürmten, geriet auch die benachbarte KGB-Villa ins Visier der Demonstranten. Doch Putin, der sich ihnen als harmloser Dolmetscher vorstellte, beschwichtigte sie. Trotz des glimpflichen Ausgangs dieser Konfrontation, die Menge hatte bereits das Geheimdienst-Quartier umstellt, wurde jener 5. Dezember 1989 zu einem Schlüsselerlebnis für den heutigen russischen Präsidenten, der am Sonntag vor seiner Wiederwahl steht. Denn vergeblich hatte Putin bei der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, damals mit über 400 000 Soldaten in der DDR präsent, um Unterstützung gebeten. Die teilten ihm nur lapidar mit: „Wir können nichts machen ohne Anweisung aus Moskau. Aber Moskau schweigt.“

In seinem Buch „Aus erster Hand“ erinnert er sich an diesen prägenden, geradezu traumatischen Moment. „Ich hatte das Gefühl, dass es mein Land nicht mehr gibt.“ Noch in der Nacht begann Putin, in großem Stil Dokumente zu vernichten. „Wir haben so viel verbrannt, dass der Ofen geplatzt ist.“ Bald darauf packten die Putins ihre Koffer. Die friedliche Revolution in der DDR und die folgende Auflösung der UdSSR bedeuteten für ihn „die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.

Für die deutsche Bundeskanzlerin, die jetzt gerade ihre vierte Amtszeit antritt, war es hingegen eine Befreiung und ein außerordentlicher Glücksfall. Etwa zur gleichen Zeit, zu der Putin Akten verheizte, saß Angela Merkel in einer klammen Wohnung mitten im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. In dem Mietshaus mit abblätterndem Putz, undichten Fenstern und schlecht heizenden, alten Kachelöfen hatte der wenige Wochen zuvor vor allem von Kirchenleuten gegründete „Demokratische Aufbruch“ seine Geschäftsstelle. Die Pfarrerstochter tippte auf einer laut klappernden Schreibmaschine Adressen der rasch anwachsenden Mitgliedschaft, kochte Kaffee für wartende Journalisten.

Auch an dem Tag, an dem die Mauer fiel, stand die junge Frau nicht gerade im Zentrum des Aufbegehrens gegen den SED-Staat; die Nachwuchs-Wissenschaftlerin war in der Sauna. Dass die beiden seit vielen Jahren zu den mächtigsten Politikern der Welt gehören, hätte damals wohl niemand für möglich gehalten.

Die Russland-Expertin Katja Gloger ist der Meinung, Merkel und Putin respektierten sich. „Putin hält Merkel sogar für den einzigen echten Mann in Europa.“ Die promovierte Physikerin und heutige CDU-Chefin dürfte gleichwohl ganz andere Erinnerungen an die Endphase der DDR haben als Putin, der gern von Radeberger Pils und der gut ausgestatteten Kita seiner Töchter berichtet.

Merkel hingegen war einst Musterschülerin in Templin und Russisch-Beste. Da sie in der DDR „Spracholympiaden“ gewann, durfte sie auch zu einem Wettbewerb nach Moskau reisen. Für beide öffnete sich vor bald 30 Jahren eine Tür, die ungeahnte Talente zur Entfaltung brachte – während die gewohnte Welt um sie herum wie ein Kartenhaus zusammenfiel.

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