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Gewalt : Jede Woche drei tote Kinder

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Debatte über Kriminalitätsstatistik zu Gewalt durch Erwachsene / Kinderschützer schlagen Alarm

„Jeder einzelne Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie“, sagt Jörg Ziercke. Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) präsentierte vor der Hauptstadtpresse in Berlin erschreckende Zahlen. Gewalt und Vernachlässigung haben im Jahr 2013 laut einer Sonderauswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 153 Kindern das Leben gekostet – ein Minus von acht Prozent. Die Zahl der polizeilich registrierten Misshandlungen von Kindern betrug 4016 – ein Prozent mehr als 2012. 13 647 Kinder wurden zu Opfern von sexuellem Missbrauch – ein Rückgang um zwei Prozent.

BKA-Präsident Ziercke, der sich zuletzt schweren Vorwürfen gegen seine Behörde in Zusammenhang mit der Edathy-Affäre ausgesetzt sah, sieht keinen Grund für Entwarnung. „Drei Kinder pro Woche“ würden getötet, 37 Kinder täglich sexuell missbraucht. Dies sei „ein trauriges Bild“, so Ziercke, allerdings bestehe es lediglich aus den offiziell registrierten Delikten. Das Dunkelfeld sei wesentlich größer. „Wer wegsieht, macht sich schuldig am Leid der Kinder“, fordert der BKA-Präsident die Bürgerinnen und Bürger auf, im Zweifelsfall auch Anzeige zu erstatten.

Zu Beginn des Jahrzehnts hat die Politik ein neues Kinderschutzgesetz auf den Weg gebracht – als Reaktion auf spektakuläre Fälle von Kindeswohlgefährdung und Gewalt gegen die Kleinsten. Experten wie der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos halten das Gesetz für einen zahnlosen Tiger, da darin eine ärztliche Meldepflicht für Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch fehle. Es gebe in Deutschland „ein löchriges System der Kinder- und Jugendhilfe“, Gewalt gegen Kinder sei „immer noch trauriger Alltag“, kritisiert auch Rainer Becker, Chef der Deutschen Kinderhilfe. Es sei eine Generalüberholung erforderlich. Dazu gehörten bundesweit einheitliche Fachstandards, eine gerechte Entlohnung und Entlastung der Mitarbeiter in der Jugendhilfe.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will Konsequenzen aus den neuen BKA-Zahlen ziehen. „Alle in unserer Gesellschaft sind dazu aufgerufen – wir brauchen eine Kultur des Hinschauens, denn Kinderschutz geht alle an“, erklärte Schwesig gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Durch Konsequenz, Achtsamkeit und Sensibilisierung müssen wir weiterhin beharrlich dazu beitragen, dass die Taten aus dem Dunkelfeld herauskommen“, so die SPD-Politikerin. Angemessene Strafen und eine konsequente Strafverfolgung seien dabei wichtig.

Bemerkenswert: Kinder werden häufig in ihrem direkten sozialen Umfeld zu Opfern von Gewalt. Bei der Hälfte der im vergangenen Jahr registrierten Todesfälle gebe es zwischen Tätern und Opfern ein Erziehungs- und Betreuungsverhältnis: „Diese Kinder wurden also in ihrem sozialen Nahraum getötet durch Personen, deren Aufgabe es gewesen wäre, für das Wohlbefinden und die Sicherheit dieser Kinder Sorge zu tragen.“ Umso wichtiger sei eine „aufmerksame Nachbarschaft“, so BKA-Chef Ziercke.




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