zur Navigation springen

Schmähgedicht-Affäre : Jan Böhmermann: „Merkel hat mich einem Despoten zum Tee serviert“

vom

Der 35-Jährige kritisiert die Bundeskanzlerin in einem „Zeit“-Interview scharf – und äußert sich erstmals zu der Affäre.

In der Affäre um sein „Schmähgedicht“ hat Jan Böhmermann Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihr Verhalten nach der Veröffentlichung kritisiert. „Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht“, sagte der Satiriker der Wochenzeitung „Die Zeit“. Am Dienstag zitierte „Zeit Online“ vorab aus der am Mittwoch erscheinenden Ausgabe.

Nach Erdogans Kritik an einem Satire-Beitrag des Magazins Extra3 haben zahlreiche Experten und Politiker die die von der Meinungs- und Pressefreiheit geschützten Satire verteidigt. In seinem Gedicht wollte Böhmermann den Unterschied zwischen (erlaubter) Satire und (illegaler) Schmähkritik aufzeigen.

„Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht“, sagte der ZDF-Moderator und Grimmepreisträger, der sich bislang zum Wirbel um sein Gedicht kaum geäußert hatte.

Böhmermann las Ende März in seiner satirischen TV-Show „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor, das Formulierungen enthielt, die unter die Gürtellinie zielten.

Erdogan stellte Strafantrag wegen Beleidigung. Die türkische Regierung wandte sich mit dem förmlichen Wunsch nach Strafverfolgung auf Grundlage des Paragrafen 103 im Strafgesetzbuch an die Bundesregierung. Er stellt die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Strafe. Dafür muss die Bundesregierung für die Strafverfolgung eine Ermächtigung erteilen. Das hat sie in diesem Fall getan. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) hatte Böhmermanns Gedicht außerdem früh als „bewusst verletzend“ bewertet. Später sagte sie dazu: „Das war im Rückblick betrachtet ein Fehler.“

Die Chronik der Causa Böhmermann:

17. März Im NDR macht sich die Satire-Sendung „extra 3“ in einem Lied über Erdogan lustig.
22. März Die Türkei bestellt den deutschen Botschafter Martin Erdmann ein, um gegen den zweiminütigen Film zu protestieren.
29. März Die Bundesregierung weist den Protest in einem Telefonat mit der türkischen Seite zurück: Die Presse- und Meinungsfreiheit sei „nicht verhandelbar“.
31. März Der Satiriker Jan Böhmermann liest in der ZDF-Sendung «Neo Magazin Royale» ein Gedicht über Erdogan vor, das unter die Gürtellinie geht. Böhmermann will damit nach eigener Aussage die Unterschiede zwischen erlaubter und verbotener Satire aufzeigen.
1. April Das ZDF gibt bekannt, dass der Beitrag aus der Mediathek gelöscht und nicht wie vorgesehen wiederholt wird.
3. April Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert Böhmermanns Gedicht in einem Telefonat mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu als „bewusst verletzend“. Gleichzeitig bekräftigt sie den hohen Wert der Presse- und Meinungsfreiheit.
6. April Die Staatsanwaltschaft Mainz teilt mit, dass sie wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertretern ausländischer Staaten ermittelt. Zuvor seien rund 20 Strafanzeigen eingegangen.
10. April Aus Berliner Regierungskreisen wird bekannt, dass die Türkei in einer Verbalnote an das Auswärtige Amt eine Bestrafung von Böhmermann verlangt.
11. April Die Bundesregierung kündigt an, die Forderung zu prüfen. Die Freiheit der Kunst und die Pressefreiheit seien für Merkel nicht verhandelbar, heißt es. Die Staatsanwaltschaft Mainz bestätigt einen Strafantrag Erdogans gegen Böhmermann wegen Beleidigung.
12. April Wegen der öffentlichen Diskussion sagt Böhmermann die nächste Ausgabe seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ ab.
14. April ZDF-Redakteure wollen das gelöschte Schmähgedicht von Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Mediathek des Senders zurückholen. Doch das ZDF bleibt bei seiner Entscheidung. Böhmermann wird nach Angaben seines Anwalts keine Unterlassungserklärung abgeben.
16. April Nach der heftigen Debatte über sein Erdogan-Gedicht gehen ZDF-Moderator Jan Böhmermann und die Produktionsfirma btf in eine vierwöchige Produktionspause.
20. April Hamburg setzt sich für die Abschaffung des Paragrafen 103 ein, der eine Strafverfolgung von Böhmermann erst ermöglicht hat. Schleswig-Holstein, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Thüringen wollen sich der Initiative anschließen.
22. April Angela Merkel gesteht im Fall Böhmermann einen Fehler ein. Sie ärgere sich aber darüber, dass sie am 4. April im Bezug auf das Schmähgedicht von „bewusst verletzend gesprochen“ habe und damit der Eindruck entstanden sei, dass hier ihre „persönliche Bewertung zu irgendetwas etwas zählt“.
26. April Jan Böhmermann und das ZDF gegben bekannt, dass es am 12. Mai wieder eine neue Sendung von „Neo Magazine Royale“ geben wird. Die Mainzer Staatsanwaltschaft plant die Anhörung des Moderators.
zur Startseite

von
erstellt am 03.Mai.2016 | 15:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen