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Nach Putsch in Türkei : Jagd auf Kritiker auch hierzulande?

vom
Aus der Onlineredaktion

Berichte über Morddrohungen und „Säuberungs-Listen“ – Bundesregierung: Keine Hinweise auf aus Ankara gesteuerte Kampagne

Dutzende wütende junge Männer greifen wie aus dem Nichts einen Jugendclub an. Sie schwenken türkische Flaggen, schreien, treten die Scheibe ein. Die Polizei rückt mit einem Großaufgebot an, um das Café „Harmonie“ zu schützen. Es wird von Anhängern des Erdogan-Erzfeindes Fethulla Gülen betrieben. Ist die gespenstische Szene aus Gelsenkirchen am vergangenen Wochenende ein Einzelfall gewesen? Oder ist die wie von Geisterhand gesteuerte Attacke Auftakt einer systematischen Jagd gewesen, die Erdogan gegen seine Gegner auch in Deutschland gestartet hat? Greift die Türkei-Krise auf Deutschland über?

Nach Angaben der Polizei in Nordrhein-Westfalen ist es zunächst zu keiner weiteren Gewaltaktion mit Personen oder Sachschaden gekommen. Aber viele Erdogan-Kritiker in Deutschland haben große Angst. „Ich bekomme von Erdogan-Anhängern Morddrohungen“, sagt der Leiter der Gülen-Nahen Stiftung „Bildung und Dialog“, Ercan Karakoyun. Nach seinen Angaben kommen sie von der UETD, einem Ableger der islamisch-konservativen AKP-Partei Erdogans. „Die verbreiten zum Beispiel Mails, in denen gesagt wird, meldet jeden Gülen-Anhänger den türkischen Behörden, verfolgt sie“, schildert Karakoyun. Dass die UETB in Deutschland als gemeinnützig anerkannt werde, sei schockierend.

Wer in Deutschland etwas gegen Erdogan sage, werde „als PKK-Aktivist oder als Gülen-Unterstützer angesehen“, berichtet auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. „Auch ich bekomme Drohanrufe.“ Und Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen mit türkischen Wurzeln, berichtet gestern unserer Berliner Redaktion: „Es gibt bereits Hinweise, dass auch in Deutschland Listen mit unliebsamen Kritikern geführt werden sollen.“ Er fordert eine „harte Ansage“ der Bundesregierung, der „lange Arm Erdogans“ dürfe nicht bis nach Berlin reichen. Das Bundesinnenministerium sieht allerdings noch keinen Grund für eine „harte Ansage“. Dass Aktionen gegen Erdogan-Gegner aus Ankara gesteuert würden, darauf gebe es „keinerlei Hinweise“.

Dass Erdogans Verbündete in Deutschland Gülen-Anhänger einschüchtern, daran gibt es aber keinen Zweifel. So bestätigte das Bundesamt für Verfassungsschutz unserer Berliner Redaktion einen Facebook-Aufruf, über den Bürger aufgefordert werden, „Informationen“ über die Gülen-Bewegung in Deutschland zu melden. Die Nummer der Denunziationshotline ist die des türkischen Präsidialamtes. Und in Köln wurde auf Plakaten ganz offen zur Demonstration vor einer Gülen-Schule aufgerufen. Übernächsten Sonntag wollen tausende Erdogan-Unterstützer in der Domstadt auf die Straßen gehen. Die UETD hat eine Kundgebung zum Thema „Militärputsch in der Türkei“ angemeldet. 
 

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