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Politik

23. November 2017 | 16:12 Uhr

Streitbar : Ist Schuld ewig?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

70 Jahre nach Kriegsende ist die deutsche Verantwortung ein Dauerthema. Viele wollen es nicht mehr hören, vor allem die Jüngeren, analysiert Wolfgang Bok.

„Haben wir denn nur verloren?“, fragt der Junge, nachdem er in der Schule mal wieder über die Untaten von Nazi-Deutschland belehrt wurde. Schon jetzt schaltet der 14-Jährige bei dem Thema auf Durchzug. Wie die Cousine, die mit dem Abitur „gefühlte acht Jahre NS-Geschichte“ auf dem persönlichen Bildungskanon verbucht. Begeistert klingt das nicht. Sie glaubt mittlerweile, dass das „Tausendjährige Reich“ tatsächlich so lange gedauert hat, so raumfüllend war der Unterricht dazu. Nicht nur in Geschichte. Unlängst musste in ihrer Stadt eine „Projekt-Doppelstunde“ im Kino abgebrochen werden, weil sich im Schutz der Dunkelheit unflätige Ablehnung lautstark Bahn brach. Besonders harsch waren die Reaktionen bei den Mitschülern mit Migrationshintergrund. Sie können mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung ohnehin nichts anfangen.

Im Gegenteil: Es macht sie nur stolzer auf das eigene Herkunftsland. Selbst wenn dieses, wie die Türkei, für den Völkermord an den Armeniern verantwortlich ist. Aber selbst dafür bezichtigen wir uns inzwischen ja der Mitschuld. In türkischen Schulbüchern bleibt die nationale Weste hingegen rein und ordensverziert. Ahmet, Tomislav und Boris, mit denen der deutsche Junge in einer Klasse sitzt, gibt dieses stete Bohren in der deutschen Wunde immerhin ein Gefühl von Überlegenheit. Was wiederum bei der einheimischen Minderheit in der Klasse erst recht die Sehnsucht nach eigenen Heldengeschichten fördert. Aber die gibt’s allenfalls in der Antike. Und für die Erfolge der bundesdeutschen Demokratie reicht dann die Zeit nicht.

Sind das Einzelfälle? Wohl kaum. Eben erst hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Befragung ermittelt, dass 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“ wollen. 58 Prozent möchten definitiv einen „Schlussstrich“ ziehen. Frühere Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Doch statt dem Wunsch einer klaren Mehrheit nachzukommen, wird das genaue Gegenteil in Szene gesetzt: Die Aufklärung über das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte wird eher noch intensiviert. Jeder Gedenktag wird genutzt, um an die eigenen Verbrechen zu erinnern. Und davon gibt es gerade jetzt, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele.

Das Forschungsinstitut Media Control hat ermittelt, dass das Fernsehen zeitweise jeden Tag zwei Dokumentationen über die NS-Herrschaft versendet. „Im TV-Doku-Segment ist Adolf Hitler einer der beliebtesten Protagonisten,“ lautet das Urteil. Unzählige Historiker durchleuchten noch immer jeden Winkel der dieser dunklen zwölf Jahre.

Inzwischen arbeiten bereits die Enkel die braune Familiengeschichte auf. Das verkauft sich offenbar gut und ist zugleich ein Akt der öffentlichen Reinwaschung. Es scheint, als wollte man mit aller Kraft die Psychologen Margarete und Alexander Mitscherlich widerlegen, die den Deutschen 1967 „die Unfähigkeit zur Trauer“ vorgeworfen haben.

ARD und ZDF kommen besonders emsig der Aufgabe nach, die Erinnerung an den Judenmord wach zu halten. Für Theatermacher rechtfertig die regelmäßige Beschäftigung mit der Thematik den hohen Subventionsbedarf. Schließlich ist es eine Grundlage der deutschen Staatsräson, die Erinnerung an die braune Schreckenszeit wachzuhalten und gegen das Vergessen anzusenden, anzuspielen, anzuschreiben und anzureden. „Nie wieder Auschwitz!“ lautet das Motto.

Selbst Großdenker wie der Philosoph Martin Heidegger, Literaten wie Günter Grass und Siegfried Lenz, oder Maler wie Emil Nolde werden ob ihrer Verstrickung in die NS-Zeit vom Sockel geholt. Je weiter die Ereignisse entfernt sind, desto schärfer fällt das Urteil derer aus, die das „Glück der späten Geburt“ (Helmut Kohl) für sich in Anspruch nehmen dürfen. Eine Generation der Selbstgerechten spielt sich zu Richtern auf, ohne je selbst dem Zwang eines totalitären Regimes ausgesetzt gewesen zu sein. Dies kann wiederum als Belegt gedeutet werden, die Wirkungskraft der aufwändigen Erinnerungsarbeit in Zweifel zu ziehen. Denn das historische Bewusstsein wurde offenbar nur selektiv geschärft: Wo eine differenzierte Ursachenforschung angebracht wäre, wird nur noch grobschlächtig abgeurteilt. Es wird nicht mehr danach gefragt, wie eine Meute von Braunhemden zur bestimmende Macht aufsteigen konnte. Warum selbst kritische Geister sich verführen ließen und rassistisches Denken eine aufgeklärte Gesellschaft verseuchen konnte. Stattdessen werden heute Begriffe wie „Nazi“, „Rassist“ oder „Faschist“ geradezu inflationär gebraucht, um alles, was nach konservativ oder national auch nur riecht, in Misskredit zu bringen. So wird das Böse banalisiert und die Kultur der Erinnerung politisch instrumentalisiert: Konservativ wird mit „Rechts“ gleichgesetzt, um eine Linie zum Rechtextremismus und Neonazismus zu ziehen. Dass es National-SOZIALISTEN waren, die Deutschland ins Verderben geführt und einer Nation ewige Schuld aufgeladen haben, wird von Links verdrängt.

Muss man sich dann wundern, wenn Griechenland die Gunst der Stunde nutzt, und Berlin mindestens 278 Milliarden Euro für Kriegsschäden in Rechnung stellt? Die links- und rechtsradikalen Minister in Athen stellen keine Reparationsforderungen an Italien, das ihr Land unter Mussolini überfallen hat. Oder an die Türken als Nachfolger des osmanischen Reiches, oder die Perser, die bei ihren Feldzügen ebenfalls wenig zimperlich waren. Sie wissen, dass sie sich damit nur lächerlich machen würden. Doch in Deutschland ist das Schuldgefühl in Mode: Haben wir Griechenland nicht leichtfertig in die Verschuldung getrieben? Hat der Westen den russischen Bären nicht zu sehr gereizt? Wenn Schlepperbanden Flüchtlinge im Mittelmeer kaltblütig ertrinken lassen, wird in Deutschland sogleich die Frage nach der Mitschuld gestellt. Diese Selbstkasteiung verstellt den Blick auf die Realität.

„Manchmal frage ich mich, ob die Geschichte nicht dabei ist, über die Gegenwart und die Zukunft zu siegen,“ schrieb Joachim Gauck, als die deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieg von 1914 debattiert wurde. Von einer Geschichtsvergessenheit könne heute keine Rede mehr sein. Im Gegenteil. „Unaufhörlich, so sieht es aus, sind wir mit der Geschichte, sind wir mit Jubiläen, Gedenktagen, Erinnerungen und Denkmälern oder Denkmalplanungen konfrontiert.“ Und dann fragt der Bundespräsident: „Wo ist nur die Zukunft hin?“

Wer nicht will, dass die Jungen ob der ständigen, vorwurfsvollen Aufklärung abstumpfen und sich die Ohren verstopfen, der kommt zu der Erkenntnis: Weniger wäre mehr. Zu viel Gutgemeintes ist oft das Gegenteil von gut. Meist bewirkt es das Gegenteil: Ablehnung statt Aufklärung, Verweigerung statt Einsicht. Ein gesunder Patriotismus braucht auch Stolz. Sonst bricht er sich als Nationalismus Bahn. Schuld und Sühne sind auf Dauer zu wenig.

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