Michail Chodorkowski : In die Freiheit nach Berlin

Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (r.) begrüßt   Kremlgegner Michail Chodorkowski nach seiner Ankunft auf dem  Flughafen Berlin-Schönefeld. Fotos: Pressestelle Chodorkowski/dpa
1 von 2
Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (r.) begrüßt Kremlgegner Michail Chodorkowski nach seiner Ankunft auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Fotos: Pressestelle Chodorkowski/dpa

Kreml-Gegner Michail Chodorkowski ist gestern in Schönefeld gelandet – und Genscher zog die Strippen

svz.de von
21. Dezember 2013, 00:34 Uhr

Zielort Berlin – mit einer Privatmaschine kam Michail Chodorkowski am Nachmittag auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld an. Der einstige Öl-Milliardär war nach zehn Jahren in russischer Lagerhaft erst am Morgen freigekommen. Der einst reichste Mann Russlands und erbittertste Gegner Wladimir Putins reist per Cessna eines deutschen Unternehmers aus Putins Reich sofort in die Bundesrepublik weiter – und zum Empfang steht Hans-Dietrich Genscher bereit, der 86-jährige Ex-Außenminister, der im Hintergrund die Fäden gezogen hatte: Der Russe mit fast kahl geschorenem Kopf, der FDP-Politiker mit gelbem Schal am Flughafen. Happy End für den prominentesten Gefangenen Russlands. Vorläufiges Ende eines vorweihnachtlichen Agententhrillers.

Was will Chodorkowski in Deutschland? Großes Rätselraten in Berlin. Ob er hierzulande nur eine Zwischenstation macht und anschließend in die USA weiterreist, wo sein Sohn Pawel lebt, blieb zunächst offen. Am Nachmittag dann meldet sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort. Lob der Bundesregierung für Hans-Dietrich Genscher, der sich intensiv um den Fall gekümmert habe.

Seit Längerem schon hatte Ex-Außenminister Genscher engen Kontakt zu Chodorkowski und seinen Anwälten gepflegt, ist in Berlin zu erfahren. Dabei habe einige Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen, denn der Kreml-Kritiker habe ein Gnadengesuch „aus grundsätzlichen Erwägungen“ abgelehnt. Schließlich könne dies als Schuldeingeständnis verstanden werden.

Doch die Aussicht auf einen dritten Prozess, der womöglich zu lebenslanger Haft geführt hätte, habe ihn letztlich umgestimmt. Auch die schwere Erkrankung seiner Mutter habe eine Rolle gespielt, heißt es. Sie wird am Wochenende aus Russland in Berlin erwartet. Gestern äußerte sich Chodorkowski erstmals nach der Freilassung öffentlich: „Die Frage eines Schuldeingeständnisses hat sich nicht gestellt.“ Er habe sich am 12. November an den Präsidenten gewandt, mit der „Bitte um Gnade angesichts familiärer Umstände“. Er dankte seinen Unterstützern, insbesondere auch Genscher.

Der Liberale – im Fall Chodorkowski offenbar der entscheidende Strippenzieher hinter den Kulissen. Ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Genscher und Präsident Vladimir Putin im Moskauer Kreml soll bereits vor einiger Zeit eine Vorentscheidung gebracht haben. Insgesamt zweimal habe Putin Genscher auf dessen Bitte hin empfangen, teilte die Sprecherin des Ex-Außenministers mit. „Bedeutsam und ermutigend auch für andere Fälle“, sei Putins Entscheidung, ließ Genscher verlauten.

Als gestern der eigens organisierte Privatjet mit Chodorkowski auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld landet, ist Genscher zum Empfang vor Ort. „Er ist erschöpft, aber sehr, sehr glücklich, endlich in Freiheit zu sein“, sagte Genscher danach.

Aus der FDP wird der Ruf nach einem dauerhaften Bleiberecht für den Putin-Gegner laut. „Wenn Herr Chodorkowski in Deutschland bleiben möchte, sollte die Bundesregierung ihm einen Aufenthalt ermöglichen“, fordert die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis oder politisches Asyl für Chodorkowski.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen