Helmut Schmidt wird heute 95 : „Im Kopf so klar wie immer“

Helmut Schmidt (l.) mit Regierungssprecher Klaus Bölling 1977 in Kanada
Helmut Schmidt (l.) mit Regierungssprecher Klaus Bölling 1977 in Kanada

Helmut Schmidt wird heute 95 – Sein früherer Regierungssprecher Klaus Bölling über seinen Ex-Chef

svz.de von
23. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Klaus Bölling gehörte als Regierungssprecher und Vertrauter zum engsten Beraterkreis von Helmut Schmidt, der heute 95 wird. Christoph Slangen sprach mit ihm.

Was zeichnete den Altkanzler aus?
Bölling: Er wollte keine Ja-Sager um sich. Er mochte keine Leute, die – das war ein Lieblingswort von ihm – Quallenfett reden. Er legte Wert auf Widerspruch. Der Widerspruch musste aber gut begründet sein. Schmidt ist ein großartiger Analytiker. Er ist bis auf den heutigen Tag bestens informiert über alles, was in der Welt geschieht. Eins seiner großen Prinzipien ist das der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates. Das gilt auch für China.

Was hält er von seiner Nachfolgerin Angela Merkel?
Er hat sich im Laufe der Jahre manchmal ein wenig ungerecht über Angela Merkel geäußert. Vielleicht hat er inzwischen seine Meinung geändert.
Willy Brandt gilt als „Kanzler der Herzen“, der mehr Demokratie wagen wollte. „Schmidt Schnauze“ dagegen hat einst gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Ist Schmidtdas genaue Gegenmodell zu Brandt?

Es waren zwei Männer mit extrem unterschiedlicher Biografie. Über lange Jahre hatte es Gegensätze und Konflikte zwischen ihnen gegeben. Für die Freunde war es deshalb eine gute Nachricht, dass es eine Versöhnung gegeben hat. Aber Gegenmodell würde ich nicht sagen, sie haben zeitweise gemeinsam die Politik geprägt.
Als Schmidt 1974 Kanzler wurde, schienen die Jahre des Aufbruchs vorbei, stattdessen wurde er mit neuen Herausforderungen konfrontiert – mit Wirtschaftskrise und Terrorismus.
Es ist ein Klischee, dass Schmidt im Unterschied zu Brandt im Inneren nur wenig hat bewegen können. Es gab die dramatische Erdölkrise, in der er der richtige Mann am Steuer der Republik war. Bei Schmidt denke ich aber auch immer an die Flutkatastrophe 1962 in Hamburg. Dort hat er ohne Zaudern das Richtige getan, als Senator an seinem Bürgermeister vorbei mit Bundeswehrsoldaten und Polizei Menschenleben gerettet.

Diese Fähigkeit war als Kanzler gefragt, als 1977 RAF-Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt hatten. Wie sehr hat Schmidt damals gelitten?
So hart, so robust Schmidt auch ist: Die Entscheidung, damals die RAF-Gefangenen in Stammheim nicht freizulassen, hat ihn schwer bedrückt. Er wollte dem Terrorismus die Stirn bieten und hat in keinem Augenblick verdrängt, dass dies den Tod der RAF-Geisel Schleyer bedeuten könne. Für mich war es eines der schönsten Ereignisse dieses Jahres, dass der älteste Sohn Schleyers Schmidt gefragt hat, ob er den Hanns-Martin-Schleyer-Preis annehmen würde.
Die Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine in Mogadischu war ein hohes Risiko.
Schmidt hätte selbstverständlich sofort seinen Rücktritt erklärt, wenn es nicht gelungen wäre, mit den sehr gut ausgebildeten Männern der GSG 9 die Geiseln zu befreien. Ich habe damals erlebt, wie Hans-Jürgen Wischnewski aus Mogadischu angerufen hat. Er hat wörtlich gesagt: „Die Arbeit ist getan.“ Es war eine große Erleichterung.

Welche Themen treiben Schmidt heute um?
Er hat bei einem Abendessen, dass Bundespräsident Horst Köhler für ihn und seine verstorbene Frau Loki gab, darüber gesprochen, dass die deutsch-französischen Beziehungen notleidend wären. Es ist seine Sorge, dass für die deutsch-französische Freundschaft nicht genug getan wird.

Wenn manche ihn zum bedeutendsten Kanzler erklären wollen, lächelt er nur. Das nimmt er nicht ernst. Die Popularität findet er durchaus schön.
Er hat der SPD frühzeitig Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat empfohlen. Da hat Schmidt einmal aufs falsche Pferd gesetzt. Was hält er von Sigmar Gabriel?
An seiner Wertschätzung für den Hamburger Landsmann und exzellenten Finanzpolitiker Steinbrück hat sich nichts geändert. Der Respekt für den SPD-Vorsitzenden ist wohl stetig gewachsen.
Schachspieler und Kettenraucher – pflegt Schmidt sein Image ganz bewusst?
Das Rauchen wird ein Thema bleiben, bis er die Augen geschlossen hat. Aber er ist im Kopf so klar wie immer.

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