Nach dem Putschversuch : „Ich habe Angst, dass das Land auseinanderbricht“

Nach dem Putsch am 16. Juli auf der Galata-Brücke in Istanbul
Nach dem Putsch am 16. Juli auf der Galata-Brücke in Istanbul

Seit dem 15. Juli hat sich das Leben in der Türkei ein weiteres Mal verschärft. Ein Stimmungsbericht aus der Türkei von Zehra Kübel

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01. August 2016, 20:45 Uhr

„Ich werde mein Schreiben an Dich sofort löschen, weil die Polizisten an zentralen Plätzen der Stadt, obwohl es gegen das Grundgesetz ist, die Telefone der Menschen seit dem Putschversuch kontrollieren und diejenigen, die solche Nachrichten auf ihrem Handy haben, in Gewahrsam nehmen.“

Seit dem 15. Juli hat sich das Leben in der Türkei ein weiteres Mal verschärft. Einfache Bürger in den Großstädten, die die Regierung nicht gewählt haben, reagieren auf Fragen verunsichert. Sie wollen nicht, dass ihr Name genannt wird, ganz zu schweigen von Fotos. Sie betonen oft, dass sie in ihrem Land keine Rechtssicherheit zu erwarten haben. Sie sind pessimistisch, wenn sie auf die Zukunft der Türkei angesprochen werde.

Der 52 Jahre alte Reiseleiter, Vater von zwei Kindern, erzählt, dass er während des Putschversuches mit einer Reisegruppe im Ausland war. Erst hätten sie nicht geglaubt, was sie über die Sozialen Medien lasen, es sei wie ein Witz gewesen, ein Putsch am späten Abend? Auch zwei Tage später noch hätten sie in Istanbul die Anhänger von Recep Tayyip Erdogan gesehen und gehört, wie sie bis in die Morgenstunden durch die Straßen gefahren seien und dabei hupten. Von den Minaretten ertönten Gebete der Imame, die das Volk aufforderten, auf die Straßen zu gehen. „Demokratiewache“ wurde das Vorgehen genannt, schreibt er, und setzt ein lachendes Emoticon. „Dabei hat sich das Leben in der Türkei stark geändert. Während es vor einigen Monaten noch demokratische Strukturen gab, werden sie nun von Tag zu Tag mehr abgebaut. Wer kann, will sich ins Ausland absetzen. Nur an der Oberfläche geht das Leben geht weiter wie immer. Aber abends kommen nicht mehr so viele Menschen in die Vergnügungsviertel, die Touristen bleiben aus und somit hat sich auch mein Broterwerb bedrohlich verschlechtert. Ich glaube, dass sich die Diktatur von Erdogan verfestigen wird.“

Die 71 Jahre alte Hausfrau in Ankara, linientreue Verehrerin Atatürks, des Gründers der Türkei, sagt, dass sie einen großen Schrecken bekommen habe, als die Kampfflugzeuge über ihr Haus geflogen seien. Sie habe Angst bekommen, habe sich überlegt, ob nun ein Krieg ausgebrochen sei. Ihre Wände hätten gewackelt, die Scheiben geklirrt. Kreidebleich sei sie geworden und eiskalt. Als sie die SMS des Staatspräsidenten Erdogan mit der Aufforderung, auf die Straße zu gehen bekam, sei sie zu Hause geblieben und hätte gehofft, dass der Spuk bald vorbei sei. Doch nun nach zwei Wochen habe sich in ihrem Leben nichts verändert.

Auch die 57 Jahre alte Hausfrau in Manisa sagt, dass sie zwar am Tag des Putsches Angst bekommen habe, aber das Geschehene wäre fern von ihr gewesen. Nur in Ankara und Istanbul habe es Unruhen gegeben. Sie habe gehört, dass der Ministerpräsident eine gute Rede gehalten habe. Aber weil er irgendetwas über Atatürk gesagt habe, glaubt sie, dass die Regierung zum Alten wieder umsteuert. „Das ist gut“, sagt sie.

Die Türkei hat in den letzten Jahren immer wieder einen Putsch des Millitärs erlebt. Die Mehrzahl der Zivilbevölkerung lehnt zwar diese brutalen Eingriffe in ihr Leben ab, aber sie scheinen sich auch damit arrangiert zu haben. Ihr Leben geht irgendwie weiter. Was bleibt, ist eine Ohnmacht. Ein 48 Jahre alter Verkäufer sagt: „Am meisten habe ich Angst, dass das Land auseinanderfällt, so wie im Irak, in Libyen, in Syrien. Es heißt immer, dass dem Volk Freiheit und Demokratie gebracht wird, aber wenn ein Diktator den nächsten ablöst, leidet immer das Volk. Die Menschen werden dazu verdammt, in Zukunftsangst zu leben.“

Die 44-Jährige ehemalige Gezi Park Aktivistin, Mutter eines 20-jährigen Sohnes, Sportlehrerin und Musikerin in Istanbul, ist ruhelos. Sie arbeitet neben ihrem Broterwerb für Grünflächen in der Stadt, ist aktiv in der Friedensbewegung und kümmert sich um die Unterbringung von Flüchtlingen aus Syrien. Sie sammelt Unterschriften, hält Wache für sie und verteilt Flugblätter. Sie möchte alle Missstände in der Stadt sichtbar machen, aufklären. Der Putschversuch war auch für sie von Angst geprägt, durch die F16 zerbrach ihr Küchenfenster, die ganze Familie habe sich in die Mitte ihres Wohnzimmers geworfen. „Das, was wir immer befürchtet haben, hat begonnen, ganz unverhofft, mitten in Istanbul“, habe sie gedacht. Sie habe bis morgens um 7.30 Uhr die Waffen aus Richtung der Brücke gehört. Die ersten Tage nach dem Putschversuch liefen immer wieder Menschen durch die Straßen und forderten die Todesstrafe, von den Minaretten wurden Gebete verlesen, wie sie nur zu Zeiten der Eroberung üblich waren, und in Videos wurde zum Heiligen Krieg aufgerufen, Heldentum gepriesen und das rücksichtslos 24 Stunden lang. Aber natürlich werde ich weiterhin für Dinge stehen, die ich für richtig halte. Aber ich fühle mich nicht sicher. Es gibt viele Fragen. Ich möchte, dass dieser Groll und die Gehässigkeit endlich aufhört.“

Die 39-Jährige, für eine internationale Firma arbeitende Assistentin, ist richtig wütend. „Als wir mit unendlich harmlosen und mit liebevollen Gefühlen auf die Straßen gingen, um die Menschen im Gezi Park zu unterstützen, wurden wir mit Wasserwerfern attackiert. So kann ich mir keinesfalls vorstellen, diese Regierung zu unterstützen, wenn sie mich auffordert, auf die Straße zu gehen. Ich lebe in Ankara. Ich bin in meinem täglichen Leben mehr als andere dem Ganzen ausgesetzt. Oft sind Straßen einfach gesperrt. Ich darf nicht weitergehen. Psychisch ist das eine Belastung. Mein Kind ist vier Jahre alt. Ich liebe mein Land. Aber ich habe Angst und bange um die Zukunft meines Kindes. Zwar geht unser Alltag weiter, aber wir sind beunruhigt. Wir wissen nicht, was für Gesetze nun im Schnellverfahren erlassen werden. Es sind Menschen beim Putschversuch gestorben und der Staatspräsident feiert mit seinen Anhängern. Ich finde das entsetzlich und grausam. Ich will gar nicht daran denken, dass er nun auf all die freigewordenen Stellen in Justiz und Bildung schlecht ausgebildete, ihm hörige Menschen setzen wird. Letztendlich sind meine Gefühle geprägt von Angst, Unsicherheit, Unruhe und Hoffnungslosigkeit.“

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Zehra Kübel ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Von 1975 bis 1985 besuchte sie in Istanbul das Gymnasium und studierte dort anschließend Deutsche Linguistik. Später studierte sie in Berlin Neuere Deutsche Philologie.
Heute arbeitet sie in Berlin als Sozialarbeiterin, Dolmetscherin und freie Autorin.


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