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Klaus Wowereit : „Ich gehe freiwillig“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Klaus Wowereits bitterer Abgang als Regierender Bürgermeister von Berlin

„Ich gehe freiwillig“, sagt Klaus Wowereit mit fester Stimme. Er werde sein Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin zum 11. Dezember zur Verfügung stellen. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen und über Monate gereift. Gestern, kurz nach 13 Uhr im überfüllten Pressesaal des Roten Rathauses: SPD-Mann Wowereit, Deutschlands dienstältester Länderregierungschef, verkündet seinen Rückzug, beendet die Spekulationen um seine politische Zukunft und überrascht zumindest zu diesem Zeitpunkt Freund und Feind. Ein politischer Paukenschlag. Lange Zeit war der heute 60-jährige der „Gute-Laune-Bär“ der Berliner Landespolitik, Hoffnungsträger, unangefochtener Regierungschef. Nach Flughafen-Desaster, Umfrage-Absturz, verlorenen Volksentscheiden und Affären im Senat wurde er zum „Problembär“ der Hauptstadt-SPD. Jetzt ist der Machtkampf um die Nachfolge eröffnet. Womöglich bringt erst ein Mitgliederentscheid in der Partei die Entscheidung.

Für Wowereit ist es ein Tag der Emotionen. Gleich früh am Morgen hat er SPD-Chef Sigmar Gabriel über seine Pläne unterrichtet, später dann Senatoren, Parteifreunde und den Koalitionspartner CDU. Vor den Kameras zeigt er sich schließlich tief bewegt, kämpft zwischenzeitlich mit den Tränen, als er Bilanz zieht. Er sei „stolz darauf, meinen Beitrag zur positiven Entwicklung dieser Stadt geleistet haben“, so der SPD-Mann. Er werde jetzt die „aktive Politik“ hinter sich lassen: „Aber ich liebe diese Stadt, wie sie ist, mit ihren Widersprüchen, mit ihren Vorteilen, mit den Nachteilen, mit ihrer Rauheit, mit ihrer Schönheit.“ Dann kommt Wowereit doch noch auf Fehler und Versäumnisse seiner Amtszeit zu sprechen. „Eine der größten Niederlagen“ für ihn sei die immer noch nicht erfolgte Eröffnung des Hauptstadtflughafens „BER“ gewesen, gibt er sich zerknirscht.

Rückblende: Vor wenigen Wochen war Wowereit in der Wählergunst abgestürzt, war laut einer Forsa-Umfrage der unbeliebteste Landespolitiker Berlins. Die SPD lag in der Sonntagsfrage mit 21 Prozent deutlich hinter der CDU, die auf 28 Prozent kam. Bei den Genossen wuchs die Nervosität mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl 2016. Auch in der Bundespartei zeigte man sich alarmiert über den Zustand der Berliner SPD. Der Showdown jetzt kommt für die Sozialdemokraten aber zur Unzeit. Kämpfen sie doch gerade in Sachsen, Thüringen und Brandenburg um Wähler.

Wowereit – eine schillernde Persönlichkeit. „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“, so bekannte er sich 2001 erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität. Ein Satz, der im Gedächtnis geblieben ist. Ebenso wie Wowereits Charakterisierung der Hauptstadt als „arm, aber sexy“.

Zielstrebig hatte der jüngste Sohn einer Kriegswitwe aus Berlin-Lichtenrade in der SPD Karriere gemacht – vom Juso bis zum Stadtrat, vom Fraktionschef bis zum Senatschef. Auf dem Höhepunkt seiner Macht wird er sogar als möglicher SPD-Kanzlerkandidat gehandelt. Glamouröse Partybesuche, Talkshow-Auftritte, Kampf für die Rechte Homosexueller: Wowereit versteht es, sich im Gespräch zu halten. „Ein schwuler Kanzler wäre möglich“, sagt er einmal in einem Interview.

Der Hauptstadtflughafen gerät schließlich zu seinem Waterloo. Fehlplanung, explodierende Kosten, immer neue Pannen und Skandale, der Starttermin wird mehrfach verschoben – eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Der Flughafen im Südosten Berlins entwickelt sich international zur Lachnummer. Wowereit trägt als Aufsichtsratschef die meiste Zeit über die Verantwortung für das Milliarden-Desaster und versteht es nicht, die Probleme zu lösen. Die Verpflichtung seines Erzfeindes, Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, als obersten Flughafen-Manager – aus Sicht von Beobachtern ein Akt der Verzweiflung.

Wer kommt nach Wowereit? Schon laufen sich die Kandidaten warm. Parteichef Stöß und dem Fraktionsvorsitzenden Saleh werden die besten Chancen zugeschrieben. Auch der parteilose Ulrich Nußbaum käme in Frage, ein Kandidat aus der Bundes-SPD dagegen kaum. Wowereit liebäugelt damit, am Ende die Parteibasis per Mitgliederentscheid über den Kandidaten für seine Nachfolge entscheiden zu lassen.

Einiges will er noch auf den Weg bringen, etwa die Weichenstellungen hin zu einer neuen Berliner Olympiabewerbung vornehmen. Lange steht Wowereit gestern den Reportern Rede und Antwort, scheint mit sich im Reinen zu sein: „Für mich ist die Bilanz positiv. Deshalb kann man jetzt auch gehen.“

Typisch Wowereit
 

SCHWUL „Wer es noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Wowereit war der erste Spitzenpolitiker in Deutschland, der sich geoutet hat. Auf einem SPD-Parteitag 2001 – noch sichtlich jünger und schlanker als heute – nahm er damit möglichen Anfeindungen den Wind aus den Segeln. Der berühmte Satz sei aus dem Bauch heraus gefallen, sagte Wowereit später.

PARTYLÖWE Spitzname „Regierender Partymeister“: Ein Foto von 2001 zeigt ihn mit Damenschuh und Champagnerflasche. Zwar landete kein Schluck aus der Flasche im Schuh, geschweige denn, dass jemand daraus trank. Doch das Partybild blieb hängen. Heute würde er den roten Schuh vielleicht gleich fallen lassen, meinte Wowereit kurz vor dem 10. Amtsjubiläum.

GLAMOURFAKTOR 2005 schaffte es der Regierende Bürgermeister bis auf das Cover des „Time“-Magazins. Klaus Wowereit, oft von seinem Freund Jörn Kubicki begleitet, hat für Berliner Verhältnisse einen gewissen Glamourfaktor und sieht im Smoking nicht verkleidet aus.

„ARM, ABER SEXY“  Wowereit wollte in einem Interview ausdrücken, dass die Stadt trotz knapper Kassen viel zu bieten hat. So entstand der Slogan „arm, aber sexy“.

BERLINER SCHNAUZE Wowereit kann charmant sein, aber auch schnippisch. Als Berlin 2010 mit Schneechaos kämpfte, sagte Wowereit auf die Frage, ob man das THW um Hilfe bitten sollte: „Wir sind hier nicht in Haiti, sondern wir sind hier in Berlin.“

AKTENFRESSER  Das Party-Image von früher täuscht. Als Politiker ist Wowereit machtbewusst und kein Feind von Akten. Er kennt sich gut mit den Berliner Finanzen aus.
 

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