Mehr Hilfe, aber höhere Beiträge : Hoffnung für Demenzkranke

Blutdruckmessen in einer Pflegeeinrichtung
Blutdruckmessen in einer Pflegeeinrichtung

Zum 1. Januar 2017 wird ein neues System in der Pflege eingeführt. Künftig gibt es fünf Pflegegrade

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13. November 2015, 21:00 Uhr

Es ist die größte Pflegereform aller Zeiten: Zum 1. Januar 2017 wird ein neues System eingeführt. Die bisherigen Pflegestufen werden ersetzt durch fünf Pflegegrade. Die Einstufung richtet sich künftig nach dem Grad der Unabhängigkeit der Pflegebedürftigen. Der Bundestag gab gestern grünes Licht für die Reform. Hintergründe zur Pflegereform von Rasmus Buchsteiner.

Warum ist diese Reform notwendig?
Das Ziel ist die volle Einbeziehung von Demenzkranken in die gesetzliche Pflegeversicherung. Sie war bereits seit langem angekündigt, wurde immer wieder verschoben. Bisher erhalten rund 250  000 der 1,4 Millionen Demenzkranken in Deutschland keine Pflege-Leistungen. Laut Gesetzentwurf soll ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt werden: Bisher war der Aufwand, der für Pflege und Betreuung benötigt wird, der entscheidende Faktor. Jetzt sollen es die vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen der Pflegebedürftigen sein. Im Zuge der Reform werden 500 000 Menschen erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten.

Bleibt es bei den Pflegestufen?
Statt drei Stufen soll es in Zukunft fünf Pflegegrade geben, von denen der Umfang der Leistungen für den Einzelnen letztlich abhängt. Sechs Kriterien geben den Ausschlag: (1) Mobilität; (2) Kognitive Fähigkeiten, Erinnerungs- und Orientierungsvermögen; (3) Verhaltensweisen und psychische Probleme wie Panikattacken oder Wahnvorstellungen; (4) Selbstständigkeit bei Körperpflege, Essen, Trinken und Anziehen; (5) Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen wie Medikamenteneinnahme oder Wundversorgung sowie (6) Alltagsleben, soziale Kontakte und selbstständige Zeiteinteilung.

Müssen sich bedürftige neu einstufen lassen?
Nein. Das neue System soll zum 1. Januar 2017 starten. Es gilt ein umfassender Bestandsschutz. Im Klartext: Niemand, der bisher Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten hat, soll nach den Plänen künftig weniger erhalten. Für die Systemumstellung soll keine Neu-Begutachtung aller Pflegebedürftigen vorgenommen werden. Geplant ist stattdessen ein Automatismus. Pflegebedürftige mit körperlichen Beeinträchtigungen werden eine Stufe heraufgesetzt. Aus Pflegestufe 2 wird Pflegegrad 3. Bei Pflegebedürftigen mit Demenzerkrankung geht es im neuen System zwei Schritte
hinauf: Aus Pflegestufe 2 wird Pflegegrad 4.

Wie viel Geld gibt es in neuen Pflegegraden?
Bei den Geldleistungen für die ambulante Pflege sind 125 Euro monatlich bei Pflegegrad 1 vorgesehen. Den Höchstsatz von 901 Euro gibt es für Pflegegrad 5. Bei den (ambulanten) Sachleistungen sind es 689 Euro in Pflegegrad 2, ansteigend bis 1995 Euro in Pflegegrad 5. In der stationären Pflege sind es 125 Euro bei Pflegegrad 1 und 2005 Euro bei Grad 5 geplant.

Müssen bedürftige und ihre Familien künftig auch mehr bezahlen?
Der pflegebedingte Eigenanteil der Versicherten, der bisher in Heimen im Schnitt zwischen 460 und 900 Euro liegt, soll nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums künftig durchschnittlich 580 Euro betragen – unabhängig vom Pflegegrad. Damit soll verhindert werden, dass aus Angst vor steigenden Kosten auf einen höheren Pflegegrad verzichtet wird.

Was kostet die Reform?
Zu Jahresbeginn 2017 soll der Pflege-Beitragssatz um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent sowie auf 2,8 Prozent für Kinderlose steigen. Für die Pflegeversicherung bedeutet das Zusatzeinnahmen von 2,4 Milliarden Euro.

Erhalten alle Pflegebedürftigen bessere Leistungen?
Wie gesagt: Es gilt umfassender Bestandsschutz. Wer jetzt schon Leistungen erhält, bekommt künftig nicht weniger. Pflegebedürftigen, die sich nach dem 1. Januar 2017 einstufen lassen und in ein Heim kommen, wird unter Umständen weniger gezahlt als im bisherigen System. Das gilt für die künftigen Pflegegrade 2 und 3. Ein Beispiel: Für die vollstationäre Pflege gibt es künftig bei Pflegegrad 2 genau 770 Euro. Dem entspricht im bisherigen System die Pflegestufe 1.

Auf welche Hilfen können pflegende Angehörige setzen?
Für sie sollen künftig höhere Rentenbeiträge gezahlt werden. Darüber hinaus ist eine umfassende Absicherung in der Arbeitslosenversicherung für alle vorgesehen, die zur Pflege von Angehörigen den Job ganz aufgeben oder vorübergehend aussetzen. Die Pflegekassen werden zudem verpflichtet, spezielle Schulungen und Kurse für pflegende Angehörige anzubieten.
 

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