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Zukunft der Alterssicherung : Höhere Beiträge, höhere Rente?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

IG Metall fordert grundlegenden, solidarischen Neuaufbau der Alterssicherung. Hintergründe zu den neuen Vorschlägen

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Die Gewerkschaften blasen zum Renten-Wahlkampf: Mit der IG Metall hat die größte Einzelgewerkschaft Deutschlands nun ein Konzept zur Zukunft der Alterssicherung vorgelegt. Nötig sei ein grundlegender, solidarischer Neuaufbau der Alterssicherung, erklärte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann gestern in Berlin. Private Vorsorge könne die durch ein sinkendes Rentenniveau entstehende Lücke nicht schließen. Deshalb fordert die Gewerkschaft eine Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung: Höhere Beiträge, höhere Altersbezüge?

Hintergründe zu den neuen Vorschlägen der IG Metall von Rasmus Buchsteiner.

Was schlägt die  IG Metall vor?

Zentraler Punkt ist die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung. Das Rentenniveau – das Verhältnis zwischen den Netto-Renten vor Steuern zum Durchschnittseinkommen der Rentenversicherten – soll wieder angehoben worden. Zudem fordert die Gewerkschaft Betriebsrenten für alle. Arbeitgeber sollen sich finanziell daran beteiligen müssen, die Anrechnung privater und
betrieblicher Vorsorge auf die Grundsicherung müsse abgeschafft werden.

Wie stark sollte das  Rentenniveau steigen?

Ziel ist ein Rentenniveau von 50,5 Prozent im Jahr 2030. Derzeit sind es 47,5 Prozent. Ohne eine Reform würde das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent sinken. Die Gewerkschaft orientiert sich bei ihrer Forderung an der Position der Bundesregierung: In ihrem Rentenversicherungsbericht empfiehlt sie ein Gesamtversorgungsniveau (gesetzliche Rente plus Riester-Rente) von etwa 50 Prozent. Gegenwärtig liegt der entsprechende Betrag bei 1450 Euro brutto. Die Standardrente in dieser Höhe soll nach den Vorstellungen der IG Metall künftig bereits mit 43 Rentenpunkten erreicht werden. Bisher sind dafür 45 Punkte erforderlich. Die IG Metall will daher den Wert der Rentenpunkte erhöhen.

Was bringt die Anhebung des Rentenniveaus dem  Einzelnen?

Die Standardrente, die nach 43 Jahren mit Beitragszahlungen auf der Grundlage eines Durchschnittseinkommens erreicht würde, wäre deutlich höher. Sie läge um 22,5 Prozent oder etwa 280 Euro über dem, was bei einem Rentenniveau von 43 Prozent gezahlt würde.

Wie soll das Ganze finanziert werden?

Die IG Metall schlägt einen Mix von Maßnahmen vor: In guten Zeiten mit höheren Einnahmen als Ausgaben soll die gesetzliche Rentenversicherung eine Demografie-Reserve aufbauen.

Zudem müsse der Bundeszuschuss zur Rentenkasse von derzeit mehr als 85 Milliarden Euro deutlich erhöht werden und auch Beamte wären verpflichtet, Beiträge zu zahlen. Hinzu käme eine Erhöhung des Renten-Beitragssatzes.

Mit welcher Belastung müssten die Beitragszahler rechnen?

Die IG Metall geht von einer notwendigen Beitragserhöhung um elf bis 12,5 Prozentpunkte aus, die jeweils zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu tragen wäre. So kämen fast 14 Milliarden Euro zusätzlich ins Rentensystem. Für den einzelnen Beschäftigten würde dies im Jahr 2030 eine monatliche Mehrbelastung gegenüber heute von knapp 190 Euro bedeuten. Die Gewerkschaft verweist auf eine Umfrage, wonach mehr als 60 Prozent der Befragten bereit wären, höhere Rentenbeiträge zu zahlen.


Welche Bedeutung hat das Rentenkonzept der IG Metall?

Mit 2,27 Millionen Mitgliedern ist die IG Metall die größte Einzelgewerkschaft Deutschlands. Der Einfluss der IG Metall auf die politische Meinungsbildung ist nicht unerheblich: Vor der Bundestagswahl lancierte sie die Forderung nach der Rente mit 63.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Die Arbeitgeber laufen Sturm gegen die Vorschläge der IG Metall. Sie betreibe „Rentenpolitik auf Kosten der Jüngeren“, die die hohen Kosten der teuren Rentenversprechen zahlen müssten, so ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Dabei drohe der Beitragssatz zur Rentenversicherung in den nächsten 20 Jahren ohnehin bereits auf bis zu 24 Prozent zu steigen: „Mit den Plänen würden die künftigen Beitragszahler vollständig überfordert.“
 

Kommentar - Bitte keine Versprechungen

Der Renten-Wahlkampf ist eröffnet. Bereits im April waren der CSU-Vorsitzende Seehofer und SPD-Chef  Gabriel vorgeprescht und hatten eine Stabilisierung des Rentenniveaus ins Gespräch gebracht. Das Vorhaben stößt zumindest bei Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) auf wenig Gegenliebe.

Doch nun legt auch die IG Metall ein Konzept auf den Tisch. Es sieht eine Anhebung des Rentenniveaus vor und würde deshalb, legt man das Jahr 2030 zugrunde, zu Mehrkosten in zweistelliger Milliardenhöhe führen. Auf Unternehmen wie Arbeitnehmer würden erhebliche Beitragssatzsteigerungen zukommen. Wären sie auch bereit, diesen Preis zu bezahlen?

Die Reaktionen der Arbeitgeber fallen ablehnend aus. Aber auch die heute sozialversicherungspflichtig Beschäftigten dürften wenig Freude bei dem Gedanken empfinden, dass ihr Rentenbeitrag bald auf 12,5 Prozent oder mehr steigt.

Das Versprechen auf eine Anhebung des Rentenniveaus mag verlockend sein. Es würde jedoch  alle Reformen der Alterssicherung der letzten Jahre konterkarieren. Hier  im Wahlkampf zu viel zu versprechen, wird am Ende zu fatalen Enttäuschungen führen.

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