Zu viele Psychopharmaka verschrieben : „Hier geht es nicht um Baldrian“

Pflegebedürftige werden laut AOK-Studie teilweise sediert.
Pflegebedürftige werden laut AOK-Studie teilweise sediert.

AOK schlägt Alarm wegen Psychopharmaka in Heimen. Koalition vor Durchbruch bei Reform der Pflegeberufe

svz.de von
05. April 2017, 20:45 Uhr

Ulrike Mascher hört die Klagen von verzweifelten Angehörigen, die sich an Beratungsstellen wenden, immer wieder. Es sei bedenklich, „dass Psychopharmaka in erschreckendem Umfang zum Ruhigstellen von Pflegebedürftigen in Heimen eingesetzt werden“, erklärte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Doch nur die wenigsten würden sich trauen, dagegen vorzugehen. Dabei seien die Nebenwirkungen dieser Präparate beträchtlich. „Hier geht es nicht um Baldrian“, warnte Mascher. „Es heißt, der Pflegebedürftige sei unruhig, und dann wird einfach verschrieben und verabreicht.“

Eine gezielte „Sedierungs-Strategie“ von Heimbetreibern, um Pflegekräfte einsparen zu können und gleichzeitig mehr Geld aus der Pflegekasse zu bekommen? Soweit geht der AOK-Bundesverband nicht, spricht von einem Horrorszenario, das „völlig überzogen“ sei. Doch die Ergebnisse des neuen Pflegereports des Kassenverbandes lassen aufhorchen: Demnach erhalten gut 30 Prozent der rund 500 000 demenzkranken Heimbewohner in Deutschland Antidepressiva, 40 Prozent wird dauerhaft zumindest ein so genanntes Neuroleptikum verabreicht. Das sind Medikamente zur Behandlung krankhafter Wahnvorstellungen („Psychosen“) oder Schizophrenie. In anderen Ländern sieht es anders aus: So erhalten in Schweden lediglich zwölf Prozent der demenzkranken Heimbewohner Neuroleptika.

Eine Mehrheit der befragten Pflegekräfte ist laut Report der Meinung, dass Zeitdruck in den Heimen oft dazu führt, dass auf Medikamente gesetzt wird und nicht auf Alternativ-Konzepte im Umgang mit Demenzkranken. Das aber will AOK-Chef Martin Litsch nicht gelten lassen. Versorgungsdefizite könnten nicht immer „mit mehr Geld oder mehr Personal“ abgestellt werden. Es komme auch auf „die pflegerische Kultur und Konzeption“ an.

Aktuell gibt es in Deutschland 1,6 Millionen Demenzkranke, 2050 – so die Prognose – werden es drei Millionen sein. Der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften steigt. Union und SPD wollen deshalb den Beruf aufwerten, die Ausbildung reformieren und stehen dabei nach Angaben aus Koalitionskreisen unmittelbar vor einem Durchbruch. Aus drei mach eine – die bisherigen drei Ausbildungsberufe, Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege, sollen weitestgehend zusammengelegt werden. Jetzt liegt ein Kompromissmodell auf dem Tisch, das eine zunächst zweijährige Universalausbildung („Generalistik“) vorsieht und im dritten Jahr die Möglichkeit einer Spezialisierung. Der Pflegebeauftragte Laumann glaubt, dass die Reform zu einer besseren Bezahlung von Pflegekräften in der Altenpflege führt. Ein weitere Änderung: Das Schulgeld, das es in einigen Bundesländern noch gibt, soll abgeschafft werden. Im Prinzip ist die Reform ausverhandelt, in den nächsten Tagen soll sie offiziell präsentiert werden.

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