Streitbar : Hass auf Juden

Am vergangenen Sonntagverbrannten Teilnehmer einer Demonstration in Berlin eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern.
Am vergangenen Sonntagverbrannten Teilnehmer einer Demonstration in Berlin eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern.

Ressentiments gegen den jüdischen Staat sind auch in der Mehrheitsgesellschaft mehrheitsfähig, analysiert Jan-Philipp Hein.

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16. Dezember 2017, 15:40 Uhr

Alle paar Jahre dasselbe Spiel: Einem Ereignis im Nahen Osten folgen Massenkundgebungen auf deutschen Straßen, die nur wenig an Demonstrationen und viel mehr an Pogrome erinnern. Dieses Jahr – so geht die Legende – soll der amerikanische Präsident Donald Trump schuld sein an den Aufmärschen vor dem Brandenburger Tor, dem Neuköllner Rathaus, dem Düsseldorfer Hauptbahnhof und vielen anderen Schauplätzen in Deutschland.

Es heißt, dass seine Entscheidung, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, die Ursache der schockierend aggressiven Versammlungen sei. „Kindermörder Israel“ wurde dort gebrüllt. „Tod Israel!“ ebenso. Dazu wurden die Symbole von Organisationen gezeigt, die sich vor Ort, also an Israels Grenzen, an der Realisierung dieser Hassfantasien versuchen – der Terrororganisation Hamas etwa. Außerdem wurden israelische Fahnen angezündet. Man muss sich klarmachen, was das bedeutet: In deutschen Städten verbrennen Davidsterne unter dem Gejohle von meist hassaufgeputschten jungen Männern – viele von ihnen mit arabischen oder türkischen Wurzeln.

Die letzte Welle dieser Art schwappte 2014 während des Gaza-Kriegs über das Land. „Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ wurde damals in deutschen Städten skandiert. Die Bilder, der Hass – es war wie heute. Das sei denen in Erinnerung gerufen, die die jetzigen Ausschreitungen als Beleg für eine angeblich verfehlte Flüchtlingspolitik heranziehen. Ihnen muss widersprochen werden. Der Judenhass auf deutschen Straßen ist kein Neuimport. Und Antisemitismus ist keine Erfindung von Migranten – auch nicht von denen, die schon länger hier sind.

Denn Ressentiments gegen den jüdischen Staat sind auch in der Mehrheitsgesellschaft mehrheitsfähig. Das Anzünden von Fahnen ist dort vielleicht verpönt, aber eine bedingungslose Unterstützung der einzigen Demokratie im Nahen Osten sucht man bei den meisten Deutschen vergeblich. Stattdessen werden dem Hass Freibriefe ausgestellt. Auf den Seiten der „Tagesschau“ gibt sich ein Journalist der „ARD-Rechtsredaktion“ ganz arglos und fragt: „Ist es strafbar, Flaggen zu verbrennen?“

Weniger Antisemitismus in deutschen Innenstädten wäre möglich. Doch der Staat hindert den aufgebrachten Mob nicht. 

Ein Kommentar des Ex-Bundesrichters Thomas Fischer reicht ihm, um zu diesem Schluss zu kommen: „Wer sich also durch das Verbrennen einer Flagge (nur) gegen den Staat Israel wendet, aber nicht gegen ‚die Juden‘ in Deutschland, der begeht keine Volksverhetzung.“ Ein Kolumnist des „Spiegel“ stellt auf Twitter fest: „À propos Rechtsstaat: Bei aller Empörung – das Verbrennen ausländischer Fahnen ist nicht grundsätzlich verboten.“ Klar: Die vermeintlich bessere Gesellschaft würde so etwas selbstverständlich nie tun. Aber mentale Unterstützung liefert sie dem Mob sehr gerne.

Und damit trägt sie – im Gegensatz zu Donald Trump – wirklich zu den Ausschreitungen bei. Denn die, die diesen Pogromen juristische Freibriefe erteilen, sind zusammen mit denen, die zu ihnen aufrufen, verantwortlich für den Antisemitismus auf deutschen Straßen. So schlimm Trump auch ist: Hier ist er unschuldig.

Es ist seltsam: Wir haben uns – ganz gleich, ob es um den Nahen Osten oder Deutschland geht – angewöhnt, es als normal zu empfinden, dass Muslime ihren Protest mit Hass und Gewalt vortragen. Es waren nur Worte Trumps, die Tote in Nahost und gespenstische Szenen in deutschen Städten produzierten. Kein einziger Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft ist bereits von Tel Aviv nach Jerusalem umgezogen, kein einziger Lkw hat bereits Möbel vorbeigebracht. Es gibt lediglich eine Anweisung Trumps, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Wann (und auch ob) die Botschaft jemals in die Heilige Stadt umziehen wird, weiß kein Mensch. Trump ist ein Maulheld, kein Macher.

Doch sprechen wir besser über unseren Rassismus. Denn so muss man es nennen, wenn wir Muslimen durchgehen lassen, was wir uns niemals erlauben würden. Wir messen sie an anderen Maßstäben. Wir lassen sie in ihrem Hass gewähren, weil wir denken, dass ihnen keine anderen Möglichkeiten bleiben. Das ist auch ganz praktisch für uns. Denn wenn wir arabisch- und türkischstämmigen jungen Männern die Straßen überlassen, um mit Lärm und Gewalt Judenhass vorzutragen, müssen wir unsere eigenen Ressentiments nicht analysieren. Sie verschwinden hinter dem lärmenden Gebrüll und den Rauchschwaden brennender Israelfahnen. Sie schimmern nur mal hier und da durch, wenn etwa das Verbrennen von Davidsternen vorauseilend genehmigt wird. Der heimische und der migrantische Antisemitismus führen so eine symbiotische Beziehung. Unser dunkles Massenressentiment lassen wir andere für uns ausleben.

Dass dieser Symbiose auch ja keiner ein Ende bereitet, wird von den deutschen Innenministern und Innensenatoren und ihren Polizeien sichergestellt. So wäre es natürlich durch Auflagen möglich, dem Hass keinen Raum zur Entfaltung zu geben. Und hin und wieder werden die sogar zur Bedingung gemacht. „Wehret den Anfängen!“ ist keine Utopie. Weniger Antisemitismus in deutschen Innenstädten wäre möglich. Doch der Staat hindert den aufgebrachten Mob nicht, er eskortiert ihn stattdessen – auch dann, wenn es diese Auflagen gibt.

Mehrere Tage und Pogrome gingen so übers Wochenende ins Land, bevor sich zu Wochenbeginn Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller von der SPD, Unionskanzlerin Angela Merkel und ihr Parteifreund und Innenminister Thomas de Maizière sowie SPD-Parteichef Martin Schulz mit mehr oder weniger deutlichen Worten meldeten. CDU-Fraktionschef Volker Kauder sagte vor seinen Leuten: „In unserem Land werden keine Flaggen mit Davidstern verbrannt.“ Wahrscheinlich geschah zu dem Zeitpunkt genau das irgendwo in Deutschland. Dennoch soll es lang anhaltenden Applaus für diesen Satz gegeben haben. Nicht nur amerikanische Präsidenten sind Maulhelden.

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