Streitbar : Gute Ängste, böse Phobien

Illustration: NOBIS
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Die neuen Ängste heißen „homophob“ und „islamophob“ und sind schlecht. Gute Ängste sind hingegen erlaubt. Eine gefährliche Klassifizierung

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05. September 2015, 16:00 Uhr

Neulich wurde ich von einer Kollegin gefragt: „Wie viele Homosexuelle kennst Du überhaupt?“ Der Ton war etwas scharf. Deshalb habe ich die Antwort leicht nach oben geschummelt. Zwar liegt die Zahl der Männer, die sich zu Männern hingezogen fühlen, im unteren einstelligen Prozentbereich; bei der Frauenliebe ist sie etwas höher. Doch das tut nichts zur Sache. Die aufgeladene Debatte um die völlige Gleichstellung der Homo-Ehe erweckt den Eindruck, als würde in Deutschland eine Mehrheit von sexuell Gleichorientierten brutal um ihre Rechte gebracht. Wer diese Not nicht erkennt und die klassische Familie zur Normalität erklärt, handelt sich schnell den Vorwurf ein, „homophob“ zu sein. Dieses Etikett wollte ich mir nicht ankleben lassen. Nicht schon am hellen Morgen.

Familie bleibt Keimzelle

Homophob ist der neue Kampfbegriff. Phobie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „krankhafte Angst“. Ich habe aber keine Angst vor Homosexuellen. Ich finde nur, dass das Land gewichtigere Sorgen hat. Und ja: Dieses mitunter aggressive Auftrumpfen der Schwulen- und Lesbenverbände behagt mir nicht. Manche Politiker definieren sich regelrecht über ihr Anderssein. Gerade CDU-Politiker aus der Provinz kommen damit groß raus. Lobbyismus in eigener Sache darf man das nicht nennen. Das könnte einem ja als „homophob“ ausgelegt werden. Und wer will heute schon ein konservativer Spießer sein, der darauf hinweist, dass drei von vier Kindern noch immer bei den leiblichen Eltern aufwachsen. Und das sind, man glaubt es kaum: Mann und Frau! In der klassischen Familie also, die fortwährend als „Auslaufmodell“ um ihre Respektierung kämpfen muss, obwohl sie doch nach wie vor die Keimzelle einer jeden Gesellschaft ist.

Wandel im Abendland

Gut läuft auch der Vorwurf „islamophob“. Klingt irgendwie intellektueller, als jeden als „Islamfeind“ zu beschimpfen, wer zarte Zweifel am Nutzen einer starken Zuwanderung aus vornehmlich islamischen Staaten hegt. Dass Homosexualität dort brutal verfolgt wird, wo der Islam Staatsreligion ist, wird in der Debatte außer Acht gelassen. Zwei von drei Flüchtlingen, die derzeit in großer Zahl zu uns kommen, sind muslimischen Glaubens. Das hat langfristige Folgen für das christliche Abendland, das sich zu seinen Wurzeln nicht mehr so recht bekennen will. Aber wer auf diese Verschiebung in unserer Gesellschaft hinweist, macht sich der Islamophobie schuldig. Oder gar der „Xenophobie“, hat also Angst vor Fremden und ist daher ein übler Rassist – obwohl es doch um kulturelle Einflussnahme geht. Egal, Hauptsache das Feindbild stimmt.

„Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie,“ hat der Schriftsteller und Spötter Erich Kästner („Emil und die Detektive“) früh erkannt. Demnach sind wir Deutschen ein phantasievolles Volk. Nicht von ungefähr hat es die „German Angst“ zur Weltgeltung gebracht. Denn fest ist unser Glaube, dass es auch gute Ängste gibt. Die Gen-Phobie beispielsweise, also die Angst vor der Verseuchung unserer Lebensmittel durch diese gierigen Amerikaner mit ihrer unbändigen Lust auf Genmanipulation und Chlorhühnchen. Da essen wir doch lieber unsere in Antibiotika getränkten Fleischberge aus übel riechenden Geflügelfarmen.

Gute deutsche Ängste

Mehrheitsfähig und schwer angesagt ist auch die Klima-Phobie. Diese wird kräftig geschürt von den Klimaapokalyptikern, die von einem Klimakongress zum nächsten reisen, um den drohenden Weltuntergang zu beschwören. Jetzt treffen sich im teuren Paris an die 20  000 Spesenritter, um sich beim neuerlichen „Klimagipfel“ gegenseitig die Berechtigung der eigenen Angst zu bestätigen – und nach Möglichkeit andere dafür bezahlen zu lassen. Der Einsatz der Kernenergie, die einmal als Wundermittel gegen das in Ungnade gefallene Kohlendioxid gefeiert wurde, ist allerdings auch keine Lösung. Denn dagegen grassiert die Atom-Phobie.

Vor allem in Deutschland, das nicht wahrhaben will, dass um uns herum neue Kernkraftwerke gebaut werden und diese unerlässlich sind, wenn der Energiehunger einer auf bald elf Milliarden Menschen wachsenden Weltbevölkerung klimaneutral zu stillen. Deshalb wird ja neuerdings auch die Kohle-Phobie geschürt.

Tiere töten erlaubt

Daher schalten wir Atomreaktoren und Kohlekraftwerke gleichermaßen ab und vertrauen ganz auf Wind und Sonne. Wer deshalb den Blackout bei der Stromversorgung fürchtet und von einer Windrotoren-Phobie geplagt wird, findet sich schnell im Topf der Islam- und Homophoben wieder. Da machen diejenigen, die entscheiden, welche Ängste gut und welche schlecht sind, kein großes Federlesen. Plötzlich ist der Tod von Fledermäusen, Vögeln oder Eidechsen, für deren „Lebensraumrettung“ sonst Großbaustellen lahmgelegt werden, kein Thema. Hier schweigen selbst Umwelt- und Naturschützer. Denn grüne Ängste sind gute Ängste.

Also lernen wir: Jeder pflegt seine Ängste. Die Amerikaner drosseln die Autos auf Kriechtempo, wir lassen rasen. Wir bekämpfen den Zigarettenkonsum – und verherrlichen zugleich das Kiffen, um Cannabis zu legalisieren. Die eine fürchtet sich vor Spinnen, der Nachbar vor Einbrechern. Doch der darf das nicht so laut sagen. Und schon gar nicht darauf verweisen, dass organisierte Banden aus dem Osten am helllichten Tag auf Raubzüge gehen. Denn das, siehe oben, ist ja dann wieder „Xenophobie“.

Verbale Waffen

Denn bei Phobien, die sich ideologisch ausschlachten lassen, wird zwischen klug und dumm unterschieden. Schon der Begriff „Phobie“ wird als verbale Waffe missbraucht, um Andersdenkende ins politische Abseits zu drängen. Denn wer krankhaft ängstlich ist, ist Argumenten nicht zugänglich und gehört eigentlich in die Klapse. Also klebt man ihm das Stigma des Irrläufers an. Die Heterophoben, die die klassische Ehe für unzeitgemäß halten, aber dann doch diese Institution mit vollem Adoptionsrecht und allem was die Reproduktionsmedizin hergibt für sich beanspruchen, gehören selbstverständlich nicht dazu. Ebenso wenig wie jene Männer-phoben Frauen, die mit ihrem radikalen Feminismus eine Gender-Phobie provozieren. Auch NSA-Phobiker, die schon beim Gedanken an US-Geheimdienste Schnappatmung bekommen, schwimmen im politisch-korrekten Mainstream. Und am Ende tönen sie alle gemeinsam: Keine Toleranz der Intoleranz. So totalitär kann Toleranz sein.

Radikalisierung droht

Das macht mir wiederum Angst. Einmal, weil mit der Phobie-Keule der Diskurs über strittige Themen abwürgt. Und zweitens, weil diese Bevormundung zu einer Radikalisierung der Gesellschaft führt. Eben hat eine Allensbach-Umfrage ergeben, dass für lediglich 17 Prozent der Bevölkerung die Homo-Ehe bedeutsam ist und damit auf der Prioritätenliste ganz weit unten steht. Die Mehrheit ist sogar gegen eine völlige Gleichstellung. Ganz oben auf der Sorgentabelle rangiert hingegen mit 77 Prozent das Thema Flüchtlinge. Weil aber jeden Tag offenkundiger wird, dass hier etwas aus dem Ruder läuft und wir längst nicht mehr Herr der Lage sind, wird von Politik, Verbänden und großen Teilen der Medien versucht, jede Kritik als krankhafte Phobie im Keim zu ersticken. Wer die negativen Seiten der ungesteuerten Zuwanderung benennt, findet sich in der rechten Ecke wieder und als „geistiger Brandstifter“ verunglimpft. Selbst Begriffe wie Asylmissbrauch oder Flüchtlingslawine wollen die linken Sprachpolizisten auf den Index setzen. Das macht die Menschen zunehmend wütend. Sie fühlen sich von einer Minderheit regelrecht bevormundet und zum Schweigen verdammt. Lange geht das nicht gut.

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