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Streitbar : Große Verunsicherung macht sich breit

vom
Aus der Onlineredaktion

Ohne Vertrauen in Politik und Wirtschaft geht Gesellschaften ein wichtiger Anker verloren, analysiert Stephan Richter

Wie weit ist die zivilisierte Welt gekommen, wenn auf der politischen Bühne offen mit Atomschlägen gedroht, wenn überall die Rüstung hochgefahren wird? Wenn Terror von außen und innen Gesellschaften zerfrisst, wenn Rassismus und Fremdenfeindlichkeit um sich greifen? Wenn Handelskriege angezettelt werden, wenn Demokratien zugunsten autoritärer Systeme an Zustimmung verlieren?

Wie groß die Risiken für Freiheit, Frieden und Wohlstand derzeit wirklich sind, weiß niemand. Ist es wirklich so schlimm, wie es sich anfühlt? In der Welt der Twitter-Kurznachrichten, der oberflächlichen Schlagzeilen und der Fake News haben es besonnene, abwägende Stimmen schwer. Gute Nachrichten gehen leicht unter. Das Schrille und Reißerische hat Konjunktur, begleitet von Verschwörungstheorien und Untergangsfantasien.

Die Verunsicherung, die große Teile der westlichen Gesellschaften erfasst hat, prägt den Beginn des 21. Jahrhunderts. Die wachsende Angst lässt sich schwer mit rationalen Argumenten beschwichtigen. So beruhigen mit Blick auf die USA kaum Hinweise darauf, dass das System der Gewaltenteilung Präsident Donald Trump im Zaum hält. Auch Beteuerungen der Verteidigungspolitiker, wonach höhere Ausgaben für neue, noch tödlichere Waffen allein der Sicherheit dienen, ziehen nicht. Denn die Verunsicherung hat einen gefährlichen Nährboden: Hinter ihr steckt das dramatisch geschwundene Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Verlust emotionaler Sicherheit begann mit dem internationalen Terrorismus. Nach den Anschlägen schworen die offenen Gesellschaften, sich von den Bombenlegern nicht ihre Freiheit und tolerante Lebensweise nehmen zu lassen. Trotzdem lässt jeder Koffer, der in der Ferienzeit auf dem Bahnhof und im Flughafengebäude unbeaufsichtigt herumsteht, Gedanken durch den Kopf schießen. Ähnlich ist es bei der zunehmenden Zahl schwerer Gewaltdelikte oder bei den Wohnungseinbrüchen. Unabhängig von Polizeistatistiken wächst bei Bürgern das Gefühl, kriminellen Banden schutzlos ausgeliefert zu sein.

Noch mehr sehen sich Menschen in den einzelnen Nationalstaaten, den wiederentdeckten kollektiven Zufluchtsorten, als Spielball internationaler Entwicklungen – egal, ob es die Finanzmärkte, ob es die Auswüchse in der Wirtschaft, ob es die Cyberkriminalität oder die Erschütterungen infolge der Flüchtlingskrise sind. Gewiss, große Herausforderungen hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Was heute die Konfrontation zwischen Nordkorea und den USA, waren 1961 der Mauerbau und ein Jahr später die Kuba-Krise. Auch damals ging Kriegsangst um. Umbrüche und Turbulenzen begleiteten in der Nachkriegszeit auch Wirtschaft und Währungsmärkte. Selbst der Terror ist nicht erst seit dem Vormarsch islamistischer Gotteskrieger präsent. Zwischen 1970 und 1990 war die linksextremistische Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik für 33 Morde verantwortlich. Und wer das Erstarken der rechtsextremen Szene als neues Phänomen empfindet, hat vergessen, dass die NPD in den 1960er Jahren in den Landesparlamenten von Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz vertreten war.

Der Unterschied zu damals liegt in dem verlorenen Vertrauen darauf, dass ein starker Staat die Lage im Griff hat. Zu D-Mark-Zeiten zum Beispiel glaubten die Westdeutschen den Währungshütern der Bundesbank wie kaum einer anderen Institution. Den demokratischen Parteien in der Bundesrepublik wurde eine hohe Integrationskraft zugetraut, um die politischen Ränder einzuhegen. Auch mitgliederstarke Gewerkschaften oder die Kirchen trugen als Anker dazu bei, dass sich in den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten kein Ohnmachtsgefühl breitmachte.

Diese emotionale Geborgenheit ist weg. Wer glaubt heute noch einer obersten Bundesbehörde wie dem Kraftfahrt-Bundesamt, wenn es um Abgaswerte von Autos geht? Wer fühlt sich noch bei Banken gut beraten? Kirchen und – ja, auch die Medien haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Selbst im Bereich der Lebensmittelsicherheit hat sich das Gefühl allgemeinen Kontrollverlustes eingeschlichen.

Die Mischung ist gefährlich.Zum einen gibt es die Gefahr der selbsterfüllenden Prophezeiung. Zum anderen nimmt der soziale Stress zu. Wähler fragen sich, welchem Politiker sie noch trauen können. Verbraucher fühlen sich als Spielball von Produktherstellern und Dienstleistern. Und das nicht endende Flüchtlingsdrama im Mittelmeer nährt den Eindruck, dass die Politik spätestens bei den supranationalen Herausforderungen unfähig zu gemeinsamen Lösungen ist.

Entweder gelingt es dem modernen Menschen, mit dieser Verunsicherung zu leben und sich entsprechend anzupassen. Oder es bedarf einer grundlegenden geistig-moralischen Wende, wie sie der damalige Kanzler Helmut Kohl im Bundestagswahlkampf 1980 propagierte, ohne dass daraus je etwas geworden ist. Trotzdem bleibt Demokratien und offenen Gesellschaften fürs Überleben nur ein Weg: Die Eliten müssen Vertrauen zurückerobern, um Gesellschaften Halt zu geben. Ein langer, steiniger Weg. Ein US-Präsident, der 48 Stunden Zeit braucht, um rechtsradikale Gewalt zu verurteilen und dies weitere 24 Stunden wieder relativiert, ist jedenfalls nicht geeignet, um Mut zu fassen. Gleiches gilt für das Versagen der Manager-Klasse.

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