Interview : Gregor Gysi: „Dann werde ich Kanzler“

Auch politische Gegner schätzen Gregor Gysi als brillanten Kopf und Redner. 

Auch politische Gegner schätzen Gregor Gysi als brillanten Kopf und Redner. 

Linken-Politiker Gysi spricht über Hoffnung für Europa, die SPD in der Krise und die richtige Zeit, um abzutreten.

svz.de von
03. Februar 2018, 05:00 Uhr

Soeben hat er seine 600 Seiten starke Autobiografie vorgelegt, doch vom Ruhestand ist Gregor Gysi weit entfernt. Im Interview mit Redakteurin Melanie Heike Schmidt spricht er über die EU, linke Sammlungsbewegungen und darüber, wann es Zeit ist, Macht abzugeben.

Herr Gysi, Sie sind gerade 70 geworden . . .
Gysi: Ach, das ist bestimmt ein Irrtum.

Nein, es stimmt. Nun, 70 jedenfalls ist ein Alter, in dem andere sich zurückziehen. Sie aber sind gerade wieder in den Bundestag gewählt worden, schreiben Bücher, halten Reden und sind Chef der europäischen Linken. Nach Rente klingt das nicht, oder?
Das stimmt. Ich habe mich, auch als ich meinen Abschied auf dem Parteitag vom Fraktionsvorsitz bekannt gegeben habe, bei meinen Kindern und Freundinnen und Freunden entschuldigt. Die sagen heute allerdings etwas Interessantes: Du hast zwar nicht mehr Zeit, aber du hörst anders zu.

Machen Sie sich Sorgen um Europa?
Ja. Die Europäische Union ist gefährdet, und sie ist in einem grauenvollen Zustand. Sie ist unsolidarisch, unsozial, auch undemokratisch. Die Regierungschefs versuchen ja immer, einen Regierungsföderalismus zu organisieren. Aber es sind alles parlamentarische Demokratien. Die Rechte des Europäischen Parlaments reichen nicht aus. Gesetze, Richtlinien und Dekrete kommen ja von der Europäischen Kommission.

Warum sollte eine solche EU gerettet werden?
Erstens gibt es eine europäische Wirtschaft, die ist durch den alten Nationalstaat gar nicht zu regulieren. Zweitens haben die USA ein Bruttoinlandsprodukt von 19 Billionen US-Dollar, China von fast zwölf Billionen US-Dollar, Frankreich und Deutschland schwanken zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Billionen, andere sind im Null-Komma-Bereich. Die alten Nationalstaaten haben im Vergleich zu China und den USA gar nichts zu bestellen. Nur als EU sind wir ökonomisch ein Faktor. Dasselbe gilt weltpolitisch: Welche Rolle sollte Luxemburg im Nahost-Konflikt spielen? Das kann man auch vergessen. Dann gibt es noch den deutschen Sonderweg. Es war immer der Versuch im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, die Welt neu aufzuteilen. Je stärker wir international verankert sind, desto ausgeschlossener ist der deutsche Sonderweg. Und den will ich nie wieder erleben. Dazu kommt, dass es noch nie einen Krieg zwischen zwei Mitgliedsländern der Europäischen Union gab, während vorher Kriege zwischen diesen Staaten fast selbstverständlich waren. Das Schlimme ist, wenn die EU wirklich zerfällt und wir zu den alten Nationalstaaten zurückkehren, dann kommt auch der Krieg wieder nach Europa.

Welche Hoffnung gibt es für Europa und die EU?
Wir haben eine europäische Jugend. Die sprechen fast alle gut Englisch, sie sind mal in dem einen, mal in dem anderen Land, machen hier ein Praktikum, arbeiten dort, studieren da. Wenn wir denen sagten, es geht zurück zum alten Nationalstaat mit Grenzbaum und Pass, dächten sie, wir hätten eine Meise. Deshalb sage ich immer: Wir Alten sind verpflichtet, für die Jugend Europa zu retten.

Blicken wir nach Berlin. Dort versuchen Union und SPD, die nächste Große Koalition auf die Beine zu stellen. Sie haben die SPD gewarnt, erneut in eine Groko einzutreten. Warum hören die nicht auf Sie?
(Lacht) Tja, das verstehe ich auch nicht. Aber auf mich hört ja nie einer. Aber abgesehen davon: Du brauchst der SPD bloß zu sagen, ihr seid ja vaterlandslose Gesellen, wie vor dem Ersten Weltkrieg, schon stimmen sie allen Kriegskrediten zu et cetera. Sie haben so eine Angst. Wenn ich das schon höre: staatspolitische Verantwortung, Stabilität. Ja, welche denn? Wir haben den größten Niedriglohnsektor Europas, wir haben millionenfache prekäre Beschäftigung, die meisten Waffenexporte, die EU war noch nie so gefährdet wie durch die letzte Große Koalition. Die Politik von Schäuble in Bezug auf den Süden war völlig falsch. Statt Aufbau hat er Abbau betrieben. Das kann ich nicht nachvollziehen. Die SPD weiß natürlich, dass sie verliert, wenn sie in die Große Koalition geht. Aber das ist ja für die SPD kein Grund, den Weg nicht zu gehen. Sie schadet sich ja gerne selbst.

In Ihrer Autobiografie steht, dass das Sprichwort „Aller Anfang ist schwer“ in die falsche Richtung führt. Viel schwerer sei es, zur richtigen Zeit abzutreten. Als Negativbeispiel nennen Sie Helmut Kohl. Und Angela Merkel? Hat sie den Zeitpunkt für einen Abgang in Würde verpasst?
Ja. Merkel hätte in der Mitte der letzten Legislaturperiode sagen müssen, dass es ihre letzte ist und dass die CDU einen neuen Kandidaten aufstellen soll. Hat sie aber nicht gemacht. Kohl hat auch diesen Fehler gemacht. Die meisten wissen wohl nicht, was sie tun sollen, wenn sie gegangen sind. Ich auf jeden Fall habe für mich gesagt: Du gehst zu einem Zeitpunkt, wo dein Akzeptanzwert relativ hoch liegt. Denn ich wollte genau das nicht, dass alle sagen, der redet nur noch dummes Zeug, merkt es aber nicht.

Sollten wir doch mal Rot-Rot-Grün im Bund bekommen, übernehmen Sie dann wieder ein Amt?
Wenn Rot-Rot-Grün doch noch kommt, werde ich Kanzler. Darunter mache ich es nicht mehr (lacht).

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