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Schaulustige bei Unfällen : „Gipfel der Skrupellosigkeit“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schaulustige blockieren an Unfallstellen immer wieder Retter – und gefährden das Leben der Opfer. Die Politik will dem Einhalt gebieten

Eine Frau liegt in der Mainzer Innenstadt auf dem Boden, eine Straßenbahn hat ihr das Bein abgetrennt. Schaulustige strömen herbei, zücken ihre Smartphones und halten ungeniert drauf. „Die Menschen mussten richtig zur Seite gedrängt werden, weil sie die Rettungskräfte behindert haben“, beschreibt Achim Hansen vom Polizeipräsidium Mainz das Geschehen. „Die Frau war schneller auf YouTube als auf dem OP-Tisch.“ Solche Szenen voller Rücksichtslosigkeit bereiten Polizisten, Notärzten und Feuerwehrleuten in ganz Deutschland Kopfzerbrechen.

Die Politik versucht den sogenannten Gaffern nun mit einem schärferen Gesetz beizukommen. Gestern brachte Niedersachsen dazu eine Initiative in den Bundesrat ein. Das Behindern von Rettungskräften sowie das Fotografieren von Unfallopfern soll demnach mit Geld- und Haftstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Außerdem sollen Polizisten die Möglichkeit haben, Schaulustigen die Handys wegzunehmen. Berlin hat sich der Initiative angeschlossen.

Einige Polizisten haben keine Lust mehr, die Bevölkerung nur immer wieder sanft zu ermahnen. Sie stellen sie bei Facebook und Twitter an den Pranger. „Schämt euch, ihr Gaffer“, schreibt etwa die Polizei Hagen in Rheinland-Pfalz nach einem Unfall, bei dem ein kleines Mädchen angefahren wurde. „Polizisten in der Absperrung habt ihr gefragt, ob sie mal an die Seite gehen können, damit ihr besser filmen könnt. Unfassbar!“ Die Schaulustigen hätten sogar über die weißen Tücher geschaut, welche die Feuerwehr zum Schutz des Mädchens aufspannte. „Das ist wirklich der Gipfel der Skrupellosigkeit.“

„Wer Feuerwehreinsätze behindert, ist an Dummheit nicht mehr zu übertreffen“, schreibt Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, auf seiner Facebook-Seite. Richtig wütend machen ihn Vorfälle wie in Bautzen, als eine grölende Menge einen Feuerwehreinsatz an einem Flüchtlingsheim behinderte. Er möchte mit seinen Aussagen die Menschen bei der Ehre packen. „Denn niemand lässt sich durch ein schärferes Gesetz davon abhalten, zu gaffen.“

Als ein 85 Jahre alter Fahrradfahrer in Rheinland-Pfalz starb, während zahlreiche Menschen filmten, fragte die Polizei von Mainz an die Adresse der Gaffer: „Habt ihr wirklich nichts anderes im Kopf?“ Polizeisprecher Hansen meint, mit diesem Post hätten sie allein bei Twitter 1,3 Millionen Nutzer erreicht. Die Rückmeldungen auf Facebook seien fast überwiegend positiv gewesen. „Ich gehe stark davon aus, dass wir so etwas wieder machen“, sagt er.

Zwangsläufig sind oft auch die Polizisten selbst auf den Bildern und Videos zu sehen. „Da wird man als Person gefilmt. Damit muss man erst mal klar kommen“, sagt Jürgen Stadter, Polizeioberkommissar in Bayreuth. In Achern in Baden-Württemberg machte jüngst eine Autofahrer nicht für einen Rettungswagen Platz. Als die Ärztin ausstieg und zu dem Fahrer ging, versuchte der, sie zu schlagen.

Polizei und Rettungskräfte würden immer häufiger in ihrer Arbeit behindert, sagt der GdP-Vorsitzende Malchow. „Wir merken jetzt schon, dass wir mehr Personal am Unfallort brauchen, um den Bereich abzusichern, damit die Kollegen, die eigentlich den Unfall aufnehmen, ungestört arbeiten können.“ Da bliebe keine Zeit mehr dafür, die Kennzeichen der Autofahrer aufzuschreiben, die extra langsam vorbeifahren, um Handyvideos zu machen.

Alex Talash ist dauernd an Unfallorten, für den Blaulichtreport Hagen verkauft er Fotos und Videos an TV-Sender und Zeitungen. „Wir warten mit der Information, bis die Angehörigen eines Unfallopfers verständigt sind“, sagt er. Andere jedoch laden innerhalb von Sekunden Videos hoch. Einmal, sagt Talash, hätten Eltern den tödlichen Unfall ihres Kindes auf Facebook gesehen, ehe die Polizei vor der Tür stand.

Ein anderes Mal war Talash zugegen, als die Polizei wegen der vielen Gaffer einen Hund einsetzen musste. Zahlreiche Schaulustige hätten in das Auto hineinfotografieren wollen, das sich überschlagen hatte, sagt er. „Zufällig war ein Hundeführer am Unfallort. Der Polizeihund war nötig, um die Menschen zurückzuhalten. Worte reichten nicht aus.“

Strafen für Gaffer und Sensations-„Fotografen“

Seit Smartphones weit verbreitet sind, kommt es bei Unfällen häufiger vor, dass Schaulustige Fotos und Videos machen und dabei Rettungskräfte behindern. Das Gaffen an sich ist bisher nicht strafbar. Wer jedoch im Weg steht und die Rettungskräfte behindert, begeht womöglich eine Ordnungswidrigkeit. Laut dem Katastrophenschutzgesetz von Rheinland-Pfalz etwa droht eine Geldbuße von bis zu 5000 Euro, wenn jemand den Einsatz behindert oder den Anweisungen der Rettungskräfte nicht nachkommt. Die Polizei kann auch einen Platzverweis erteilen. Wer im Vorbeifahren mit der Handy-kamera Aufnahmen von einem Unfallort macht, kann ebenfalls zur Kasse gebeten werden. So kostet ein Verstoß gegen das Handyverbot am Steuer 60 Euro und einen Punkt in Flensburg.

Wenn Gaffer Aufnahmen von Verletzten machen, droht ihnen eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe. Laut Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs wird unter anderem bestraft, wer „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“. Doch dazu müsste es eine Anzeige des Unfallopfers oder seiner Angehörigen geben.

Die Bundesrats-Initiative von Niedersachsen und Berlin zielt darauf ab, mit einer Erweiterung der strafrechtlichen Sanktionsmöglichkeiten eine Beschlagnahme der Handys zu erleichtern. Auch das dauerhafte Konfiszieren der Handys ist vorgesehen. Nach derzeitiger Rechtslage ist zudem das Fotografieren oder Filmen gestorbener Unfallopfer nicht strafbar. Das soll sich ändern.

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