Alloheim-Gruppe : Geschäft mit der Pflege: Warum Hedgefonds in Heime investieren

Das deutsche Pflegesystem ist ein lohnendes Investment für Hedgefonds.
Das deutsche Pflegesystem ist ein lohnendes Investment für Hedgefonds.

Warum Hedgefonds in deutsche Pflegeheime investieren. Kritik von SPD und Gewerkschaften

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24. März 2018, 05:00 Uhr

Für die Alloheim-Gruppe läuft es derzeit schlecht in Sachen Außenwahrnehmung. In Schleswig-Holstein, in Niedersachsen, in Bremen, in Süddeutschland: Überall wird über Probleme in Heimen des Konzerns berichtet. Von überlastetem Personal ist die Rede, von zweifelhaften hygienischen Zuständen und baulichen Mängeln.

Der Konzern wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Die Berichterstattungen rund um unsere Einrichtungen sind falsch“, teilt eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Einzelne unzufriedene frühere Mitarbeiter wollten ihrem Ex-Arbeitgeber „eins auswischen“, vermutet sie.

Für Gewerkschaften und Teile der Politik ist die Unternehmensgruppe zum Sinnbild dafür geworden, was in der Pflege falsch läuft. Die schleswig-holsteinische SPD- Landtagsabgeordnete Birte Pauls etwa schimpfte, es könne nicht sein, dass europäische Aktiengesellschaften wie Alloheim „die Pflege von Menschen und ihr Leben in Pflegeheimen zum Erwirtschaften möglichst hoher Renditen ausnutzen“. Die Sprecherin des Düsseldorfer Unternehmens spricht von „fehlender Sachkenntnis“ bei den Kritikern.

Alloheim, in den 70ern als einzelnes Pflegeheim im Westerwald gegründet, ist in den vergangenen Jahren von einem an den anderen Finanzinvestor weitergereicht worden. 2013 kaufte die US-amerikanische Carlyle-Gruppe dem Londoner Finanzinvestor Star Capital Partners die Unternehmensgruppe ab. 2017 übernahm Nordic Capital mit Sitz auf der Kanalinsel Jersey Alloheim, Kaufpreis: 1,1 Milliarden Euro. Ein Megadeal, aber bei Weitem nicht der einzige. Die Fachzeitschrift „Altenheim“ listet 13 größere Übernahmen seit Sommer 2013 auf, bei der zwischen 900 und 20 000 Betten den Eigentümer wechselten.

Es ist viel Bewegung im Pflegesektor. Für dieses Jahr rechnen Analysten mit Übernahmen in einer Größenordnung von einer Milliarde Euro – allein, was die Gebäude angeht. Dabei drängt das Kapital nur auf einen Teil des Marktes: 40 Prozent Heimplätze werden von privaten Betreibern abgedeckt. Freigemeinnützige Heime beispielsweise von der Caritas oder der Diakonie sowie kommunale Einrichtungen machen nach wie vor 60 Prozent des Marktes aus.

Von den zehn größten Betreibern sind laut Fachzeitschrift „Altenheim“ aber wiederum sechs privat, zwei börsennotiert und gerade einmal zwei gemeinnützig. Alloheim wird mit mehr als 14 000 Betten in ganz Deutschland auf Platz zwei gelistet. Hinter der Korian AG mit 24 641 Betten, verteilt auf 221 Heime.

Der Pflegesektor ist ein lohnendes Geschäftsfeld mit stabilen Erträgen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat Hunderte Jahresabschlüsse von Heimen ausgewertet. Das Ergebnis: Der Gewinn bei privaten Betreibern war im Schnitt mehr als doppelt so hoch wie der der freigemeinnützigen oder der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz. Zum einen durch Größenvorteile. Der wichtigste Faktor scheinen die Personalkosten zu sein. Die RWI-Experten haben ermittelt, dass die Ausgaben für Personal im privaten Bereich etwa zehn Prozentpunkte geringer sind. Bei der Gewerkschaft Verdi heißt es auf Nachfrage, der Profit werde über Einsparungen beim Personal erwirtschaftet.

Negative Schlagzeilen hin oder her: Das Anlagekapital fließt weiter. Oftmals geht es dabei gar nicht um die Pflege selbst, sondern nur um die Immobilien, die gekauft und vermietet werden. Auch das lohnt sich, wie Georg Ritgen vom Immobilienberatungsunternehmen CBRE sagt: „Bei Pflegeimmobilien lag die Rendite im vergangenen Jahr bei rund 5,25 Prozent.“ Solche Renditen locken auch Privatanleger außerhalb von Fonds. Es muss ja nicht immer ein ganzes Pflegeheim sein: Projektentwickler verkaufen auch einzelne Apartments in Pflegeheimen als Geldanlage.

Das Angebot hinke aber schon heute der Nachfrage hinterher, sagt Jan Linsin, Leiter der CBRE-Forschungsabteilung. „Es fehlt hinten und vorne an modernen Pflegeeinrichtungen.“ Um diese Lücke zu schließen, sei privates Kapital notwendig, ist Linsin sicher. Anders gesagt: Ohne das Geld der Investmentfonds droht Deutschland ein Pflegeengpass ungeahnten Ausmaßes.

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