Jamaika-Abbruch : „German Übermut“: Christian Lindner steht als Spalter da

Heftiges Echo: Auch in den sozialen Netzwerken steht die FDP am Pranger und bekommt ihre eigenen Wahlsprüche vorgehalten.
Heftiges Echo: Auch in den sozialen Netzwerken steht die FDP am Pranger und bekommt ihre eigenen Wahlsprüche vorgehalten.

Der FDP-Chef zeigte „German Übermut“ – und rechtfertigt sich: „Überraschend war unsere Entscheidung nicht.“

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21. November 2017, 10:26 Uhr

Berlin | Christian Lindner wirkt aufgekratzt. Stunden nach dem spektakulären Abgang der FDP drängt es ihn, ein „kleines Gefühl“ davon zu vermitteln, was sich bei den Jamaika-Verhandlungen zutrug.

„Kleines Gefühl“? Es geht um eine ziemlich große Sache. Die FDP hat die Jamaika-Sondierungen überraschend abgebrochen und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) damit in die schwerste Krise ihrer zwölfjährigen Amtszeit gestürzt. Die Vertreter von Union und Grünen standen da wie eine Herde verlassener Schafe, erstarrt, so als hätte der Blitz eingeschlagen: Gegen Mitternacht tauchten plötzlich die Unterhändler der Liberalen in Mänteln und mit Aktenkoffern auf und steuerten in Richtung Ausgang.

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Es habe keine „gemeinsame Vorstellung von der Modernisierung unser Landes und vor allem keine Vertrauensbasis“ gegeben, sagt Lindner zur Begründung. Und überraschend sei der Auszug nicht gekommen. Schon Tage zuvor habe er die Union von seinen „negativen Eindrücken“ informiert. Klarheit liege im Interesse des Landes. „Alles andere ist verlorene Zeit“, heißt es bei den Liberalen. Tatsache ist: Lindner nahm das Parteimotto „German Mut“ wörtlich und steht jetzt als Spalter da.

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Das müsse man leider in Kauf nehmen. Zur Politik gehöre im Zweifel auch Konsequenz, heißt es in FDP-Kreisen. „Schlimmer wäre es, für nichts zu stehen“, sagt einer. Aha, da melden sich alte FDP-Traumata. Mit dem Ruch der Mehrheitsbeschaffer wollen die Liberalen nichts zu tun haben. Nun stehen sie massiv unter Rechtfertigungsdruck. Der Vorwurf, „German Übermut“ gezeigt zu haben, ist vergleichsweise milde. Da liefert Grünen-Chef Cem Özdemir mit dem spitzen Hinweis, Lindner habe wohl zu viel nach Österreich geguckt, schon einen Treffer anderen Kalibers.

„Mini-Kurz“ nennen Kritiker den 1979 als Sohn eines Lehrers in Wermelskirchen geborenen Lindner bereits. Es ist eine Anspielung auf die Karriere des voraussichtlichen Regierungschefs von Österreich, Sebastian Kurz (31). Giftig dabei: Kurz scheut nicht den engen Umgang mit dem Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache von der FPÖ – einem Politiker, der als junger Mann in der Neonazi-Szene unterwegs war und nun zum Koalitionspartner in Wien werden dürfte.

Vergiftete Anekdoten

Auch sonst ranken sich vergiftete Anekdoten um das sprachbegabte Polit-Talent Lindner. So sei er schon als Zivi im Porsche vorgefahren. Den Zivildienst machte Lindner nicht aus Überzeugung, sondern aus pragmatischen Gründen: „Obwohl ich eigentlich zur Bundeswehr wollte, hätte ich anders mein Unternehmen nicht fortführen können“, so Lindner. Während seines Studiums der Politikwissenschaft in Bonn schlug Lindner eine Reserveoffizier-Laufbahn bei der Luftwaffe ein.

Tatsächlich hat Lindner auch politisch eine steile Karriere hingelegt. In den vergangenen vier Jahren hat er im Alleingang die FDP wieder erweckt und von 4,8 Prozent im Jahr 2013 auf 11 Prozent bei der Bundestagswahl 2017 geführt. Und wie geht’s jetzt weiter? Ist eine Rückkehr in eine Jamaika-Konstellation möglich? „Nein, das ist nicht vorstellbar“, sagt der Parteichef. Aber im Wahlkampf sagte er auch, ihm fehle die Fantasie für Jamaika – und dann hat er es doch probiert.

Was am Montag vor allem die sozialen Medien bewegt: War der spektakuläre Abgang der Liberalen tatsächlich so spontan, wie er wirken sollte? Wollte Lindner überhaupt eine Einigung? Es ging an diesem letzten langen Jamaika-Abend jedenfalls einiges erstaunlich schnell bei den Liberalen. Schon bevor die Jamaika-Unterhändler überhaupt angefangen hatten, preschte Lindner mit der Ankündigung vor, man müsse um 18 Uhr fertig sein. Als die anderen einfach weitermachten, dauerte es aber immerhin noch knapp sechs Stunden bis zum tatsächlichen Auszug.

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