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Besonders verletzlich : Geflüchtete Frauen in Deutschland

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Aus der Onlineredaktion

Wer sie sind, was sie brauchen – das untersuchte eine Charité-Studie

svz.de von
erstellt am 22.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Ein Drittel der Flüchtlinge in Deutschland sind Frauen und Mädchen. Krieg, Verfolgung und Hunger erleben sie wie die Männer – und doch anders. Denn Frauen sind in ihrer Heimat, auf der Flucht und auch in Deutschland besonderen Gefahren ausgesetzt. Wissenschaftler u. a. der Charité haben erstmals ausführlich untersucht, was weibliche Flüchtlinge in Deutschland erlebt haben, wie sie leben und welche Hilfe sie brauchen. Hintergründe von Teresa Dapp:

Was sind die Besonderheiten bei weiblichen Flüchtlingen?

Frauen fliehen wie Männer vor politischer Verfolgung, Kriegen und Armut. Es gibt aber auch frauenspezifische Fluchtursachen, etwa Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution, Angst vor Ehrenmorden, Vergewaltigungen und andere Arten sexualisierter Gewalt. Auf der Flucht sind Frauen besonders verletzlich. Öfter als Männer haben sie Kinder dabei und sind allein für sie verantwortlich.

Was haben die Frauen zu Hause und auf der Flucht erlebt?

Über die Hälfte der Frauen hat Kriegs- und Kampfeinsätze erlebt. Fast ebenso viele haben Obdachlosigkeit, Hunger und Durst erfahren. Über 40 Prozent gaben an, dem Tod nahe gewesen zu sein. Etwa ein Viertel der Frauen aus Eritrea und Somalia waren allein unterwegs, Frauen aus Syrien und Afghanistan dagegen kaum. 40 Kinder kamen auf der Flucht zur Welt. Sechs der Frauen berichteten, dass sie Kinder unterwegs verloren haben. „In einem besonders tragischen Fall sind drei Kinder einer Frau im Meer ertrunken“, heißt es in der Studie. 87 Prozent der Frauen haben nach eigenen Angaben Schlepperdienste genutzt und dafür zwischen 250 und 10 000 US-Dollar bezahlt.

Welche Probleme haben die Frauen in Deutschland?

Die Befragten nannten Geldsorgen, Unsicherheit, Trauer über die Trennung von Verwandten und Sprachprobleme. Rund ein Viertel hat nach eigenen Angaben mindestens Grundkenntnisse im Englischen, nur 18 Prozent im Deutschen. 52 Prozent der Frauen gaben an, ihre Wohnbedingungen seien schlecht. In den Unterkünften leiden sie unter Diskriminierung, allgemeiner Respektlosigkeit, fehlender Privatsphäre, Lärm, Enge, mangelnder Hygiene, Streit und Gewalt. Viele haben gesundheitliche Beschwerden – aber nur 15 Prozent gehen zum Arzt, wenn ihnen körperlich etwas fehlt, mit psychischen Problemen sogar nur vier Prozent.

Was wünschen sich die Frauen für die Zukunft?

38 Prozent wollen arbeiten oder studieren. Etwa vier von zehn Befragten gaben an, in der Heimat gearbeitet zu haben, am häufigsten nannten sie Schneiderin oder Weberin und Lehrerin (je acht Prozent). Weitere Wünsche und Ziele für die Zukunft waren Stabilität und Integration in Deutschland.

Was empfehlen die Experten der Politik?

Ganz oben auf der Liste stehen Übersetzer für die medizinische Versorgung und juristische und bürokratische Beratung. Auch Video- und Telefondolmetschen als Standard „erscheint sehr sinnvoll“, heißt es. Für wichtig halten die Experten auch ein Recht auf umfassende, auch psychiatrische Behandlung. Sonst seien nicht nur die Flüchtlinge gefährdet, sondern auch die Gesellschaft, sagt Joachim Seybold, stellvertretender ärztlicher Direktor der Charité. Alleinreisende Frauen sollten separat untergebracht werden.

 

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