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Dieselgipfel Berlin : Fünf Millionen Diesel sollen mit neuer Software sauberer werden

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Jetzt muss die Software-Lösung nur noch funktionieren: Mehr als fünf Millionen Diesel-Autos in Deutschland bekommen ein Update, das zu weniger Schadstoffen führen soll.

svz.de von
erstellt am 02.Aug.2017 | 15:13 Uhr

Mehr als fünf Millionen Dieselautos in Deutschland sollen mit einer neuen Software weniger Schadstoffe ausstoßen. Darin enthalten sind 2,5 Millionen Fahrzeuge von Volkswagen, für die schon Abgas-Nachbesserungen angeordnet wurden. Das teilte der Verband der Automobilindustrie (VDA) als ein Ergebnis des Dieselgipfels mit Bund und Ländern am Mittwoch in Berlin mit. Es handele sich um Fahrzeuge der Emissionsklasse Euro 5 und teilweise Euro 6.

Die Maßnahmen seien freiwillig und deckten einen Großteil dieser moderneren Flotten bei den deutschen Herstellern ab. Ungefähr 8,6 Millionen Fahrzeuge aus diesen Klassen sind derzeit in Deutschland insgesamt zugelassen. Zu den geforderten Hardware-Nachrüstungen äußerte sich der VDA nicht.

Jedes dritte in Deutschland zugelassene Auto ist ein Diesel. Zum 1. Januar 2017 waren in Deutschland nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts 45,8 Millionen Autos angemeldet, davon 15,1 Millionen Diesel.

Infografik: Jeder Dritte würde noch einen Diesel kaufen | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Ziel sei eine durchschnittliche Stickoxid-Reduzierung von 25 bis 30 Prozent der nachgerüsteten Fahrzeuge. Studien zeigten, dass damit die Schadstoffbelastung mindestens genauso stark reduziert werden könne wie durch Fahrverbote, hieß es beim VDA. „Wir begrüßen, dass Bundesregierung und Länder der Vermeidung von generellen Fahrverboten Priorität einräumen.“ Angeboten werden die Nachrüstungen von BMW, Daimler, Opel und Volkswagen. Für die Halter würden keine Kosten entstehen. Die Aktion soll auch keinen Einfluss auf Motorleistung, Verbrauch oder Lebensdauer haben.

Updates oder Umrüstung? Die Abgasreinigung beim Diesel

Damit Diesel sauberer werden, wollen die Autobauer die Motor-Software der Autos verbessern. Reicht nicht, sagen viele Politiker und Umweltschützer, sie müssten auch an die „Hardware“ ran.

Aber was heißt das eigentlich? Eine SOFTWARE ist in alle neueren Autos integriert, seit über 20 Jahren. Der Computer an Bord, das Motorsteuergerät, steckt in einer Metallbox, etwa 15 x 15 x 5 Zentimeter groß. Er verarbeitet alle Informationen von den Sensoren, etwa Geschwindigkeit und Temperatur, und regelt verschiedene Funktionen und Bauteile - darunter auch die Abgasreinigung.

Die modernste ist der SCR-KATALYSATOR, das steht für selektive katalytische Reduktion. Zusammen mit der Harnstofflösung AdBlue, die in den Abgasstrom eingespritzt wird, werden am Katalysator die gesundheitsschädlichen Stickoxide reduziert und zurück in Stickstoff umgewandelt.

Nicht ganz so effektiv ist ein SPEICHERKATALYSATOR, der Stickoxide zwischenspeichert und durch geringe Mengen Kraftstoff - also einen anderen Stoff als beim SCR-Katalysator - zurück zu Stickstoff umwandelt.

Eine weitere Variante ist die sogenannte ABGASRÜCKFÜHRUNG, die es schon lange gibt. Dabei wird Abgas so der Frischluft zugeführt, dass weniger Stickoxide entstehen. Das reicht aber nicht aus, um die strengsten Abgasnormen zu erfüllen.

Die Software in einem Auto regelt etwa, wie intensiv die Abgase wann gereinigt werden. Im Zuge der Abgasaffäre wurde bekannt, dass etwa bei hohen oder niedrigen Temperaturen in einigen Modellen nicht gereinigt wird. Die Autobauer erklären das mit dem Schutz des Motors.

Hier könnten Hersteller mit einem Software-Update nachbessern.

Roland Baar von der Technischen Universität Berlin hat bis vor elf Jahren für VW in Wolfsburg Diesel-Motoren entwickelt. Heute ist er Professor im öffentlichen Dienst und war unter anderem Gutachter für den Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Abgas-Affäre.

Software-Updates könnten bei der Abgasreinigung viel erreichen, sagt der Ingenieur - eine konkrete Prozentzahl für die Stickoxid-Minderung zu nennen, sei aber nicht möglich. Der „Motorschutz“, mit dem viele Hersteller das Abschalten der Reinigung begründet haben, sei für moderne Motoren gar nicht mehr notwendig.

Kritischer sieht Baar Umrüstungen an der HARDWARE, also am Motor selbst: „Die Vorstellung, dass man SCR-Systeme einfach an einen Motor ranhängt, der bisher keines hatte, ist eine Utopie.“ Die Teile im Auto seien eng miteinander verzahnt und aufeinander abgestimmt.

BMW kündigte eine „Umweltprämie“ von bis zu 2000 Euro an für Kunden mit einem Dieselfahrzeug mit Euro-4-Abgasnorm oder älter. Bedingung ist demnach der Erwerb eines BMW-Elektroautos i3, eines Plug-in-Hybrids oder eines Dieselwagens mit der Euro 6-Norm. Die Aktion soll bis Ende 2017 laufen.

Vor dem Treffen in Berlin hatte die Politik mehr Bewegung bei den Herstellern gefordert. „Die Automobilindustrie ist sich bewusst, dass sie erheblich an Vertrauen verloren hat“, räumte der Verband ein.

BMW, Daimler und VW wollen sich an einem geplanten Fonds des Bundes für umweltfreundliche Mobilität in Städten beteiligen.

Diesel-Affäre: Was seit Entdeckung der Abgas-Manipulationen passierte

Die Abgasreinigung mancher Autos hat zuletzt für zusätzlichen Zündstoff gesorgt, weil vor zwei Jahren Manipulationen bei VW bekannt geworden waren. Ein Rückblick in dieser Sache:

18. September 2015: Das US-Umweltamt EPA teilt mit, Volkswagen habe eine Software eingesetzt, um Abgaswerte von Dieselautos zu fälschen.

25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft nach dem Rücktritt von Martin Winterkorn Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef.

8. Oktober: Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig lässt Büros in Wolfsburg und an anderen Orten durchsuchen.

15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt ordnet einen Pflichtrückruf aller VW-Dieselautos mit Betrugs-Software an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,5 Millionen Wagen in die Werkstatt.

30. November: In den USA wird Software-Zulieferer Bosch beschuldigt, im Abgas-Skandal Teil einer «Verschwörung» zu sein.

22. April 2016: Der Abgas-Skandal brockt dem Volkswagen-Konzern für 2015 mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust aller Zeiten ein.

8. August: Das Landgericht Braunschweig gibt den Startschuss für ein Musterverfahren wegen milliardenschwerer Aktionärsklagen gegen VW.

25. Oktober: US-Rechtsstreit um VW-Dieselwagen mit 2,0-Liter-Motoren: Ein Zivilrichter stimmt einem Kompromiss zu, nach dem Kunden, Behörden, Händler und US-Bundesstaaten mit mehr als 16 Milliarden Dollar entschädigt werden sollen.

8. Dezember: Die EU-Kommission sieht massive Mängel bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals und geht wegen mutmaßlicher Verletzung europäischen Rechts unter anderen gegen Deutschland vor.

11. Januar 2017: VW und das US-Justizministerium vergleichen sich in strafrechtlichen Fragen auf eine Zahlung von 4,3 Milliarden Dollar.

8. März: Im Bundestags-Untersuchungsausschuss sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU), sie habe erst aus den Medien vom VW-Betrug erfahren.

15. März: Während der Jahrespressekonferenz von Audi durchsucht die Staatsanwaltschaft München Räumlichkeiten der VW-Tochter.

17. Mai: US-Rechtsstreit um VW-Dieselwagen mit 3,0-Liter-Motoren: Ein Zivilrichter segnet einen Vergleich ab, nach dem sich VW zur Zahlung von mehr als 1,2 Milliarden Dollar an Halter verpflichtet. Software-Lieferant Bosch soll 327,5 Millionen zahlen.

23. Mai: Wegen des Verdachts auf Abgas-Tricksereien lässt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mehrere Daimler-Standorte durchsuchen.

31. Mai: Es wird bekannt, dass VW-Tochter Audi in Deutschland und Europa unzulässige Abgas-Software verwendet hat.

10. Juli: Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nimmt wegen möglichen Abgasbetrugs Mitarbeiter der VW-Tochter Porsche ins Visier.

27. Juli: Wegen illegaler Abgas-Software verhängt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ein Zulassungsverbot für den Porsche-Geländewagen Cayenne mit 3,0-Liter-TDI-Motor.

 

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