Jahresrückblick : Früchte des Terrors

Am vierten Advent sterben bei dem Anschlag in Berlin 12 Menschen, 50 werden verletzt.
Am vierten Advent sterben bei dem Anschlag in Berlin 12 Menschen, 50 werden verletzt.

Mehr Kontrollen, strengere Gesetze, weniger Gäste beim Oktoberfest: Wie das Jahr 2016 das Leben in Deutschland verändert hat

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30. Dezember 2016, 21:00 Uhr

Weihnachtsmärkte, die Sorge war da. Bis zum vierten Advent blieb es ruhig. Dann rast ein Lastwagen in die Buden an der Berliner Gedächtniskirche. Die Bilanz: zwölf Tote und 50 Verletzte.

Die Bilder gleichen denen von Nizza. Auch dort raste ein Lastwagen in die Menge. Mindestens 86 Menschen sterben bei dem Anschlag am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Der IS hat bereits im September 2014 Angriffe wie diesen vorgeschlagen: nicht mit Waffen, sondern mit allgemein zugänglichen Mitteln, Messern, Äxten wie in Würzburg – oder eben Autos. Anschläge, möglich damit für jeden, ohne Sprengstoffkenntnis, ohne illegale Waffen.

Nizza, die Axt-Attacke von Würzburg, Brüssel, die Anschlagsserie in Paris und der erste IS-Selbstmordanschlag auf deutschem Boden in Ansbach haben das Lebensgefühl verändert: Binnen eines Jahres ist der Terror auch hierzulande angekommen. „Wir müssen alles Menschenmögliche tun, notfalls dann auch die Gesetze verändern, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten“, versprach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kürzlich, einmal mehr.

Einmal mehr ist das nicht gelungen. Noch ist nicht ganz unklar, was in Berlin genau geschehen ist. Auch wenn heftig debattiert wird: Es ist nicht sicher, wie das Unheil hätte verhindert werden können.

Die Behörden setzen auf mehr Kontrolle, auf Straßen und Datenautobahnen. Die Polizei wird besser ausgestattet, Möglichkeiten zur Überwachung ausgebaut. Im März 2017 sollen Polizei und Bundeswehr erstmals gemeinsam einen Einsatz im Terrorfall üben. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) will mehr Videotechnik im öffentlichen Raum.

Bundespolizisten bekommen Bodycams, Kameras an der Uniform. Die Videoüberwachung soll ausgebaut werden. In einem Pilotprojekt werden in Nordrhein-Westfalen gerade beschleunigte Verfahren für ausländische Gefährder und straffällige Ausreisepflichtige geprüft.

Politik, Behörden und die gesamte Gesellschaft stehen vor einer schweren Aufgabe: höchstmögliche Sicherheit schaffen ohne ein Übermaß an Überwachung – und ohne Einschränkung des alltäglichen Lebens. Denn das, da sind sich Experten einig, würde Extremisten in die Hände spielen - Islamisten ebenso wie Rechtsradikalen.

Destabilisieren, verunsichern, Misstrauen schüren: „Angst und Schrecken verbreiten ist ein fundamentales Ziel der Islamisten“, sagt der Autor und Traumatologe Jan Ilhan Kizilhan, der sich seit Jahren mit der Strategie des „Islamischen Staates“ auseinandersetzt und gerade das Buch „Psychologie des IS“ mitveröffentlicht hat. Die Schwächung der Terrorgruppen im Irak und Syrien könne die Gefahr in Europa sogar steigern. „Sie wollen von ihrer Schwäche und ihrer inneren Krise ablenken.“ Das zentrale Motiv: „Sie wollen unsere Struktur stören und den Westen bloßstellen, zeigen, dass er seine Menschen nicht schützen kann. Und dass sie eine mächtigere Kultur haben, die sie uns am Ende überstülpen wollen.“

Ist ein Teil der infamen Strategie schon aufgegangen – gerade in Berlin? Die Menschen gehen weiter auf Weihnachtsmärkte, besuchen Konzerte und Fußballspiele. Doch wo sie früher gemeinsam unbeschwert feierten, scheint plötzlich Gefahr zu lauern. Weniger Gäste kamen zum erstmals umzäunten Oktoberfest. Die traditionellen Böllerschüsse zum Start kündigten die Veranstalter vorsorglich an – der Gedanke an eine Explosion hätte Panik auslösen können. Zuvor hatte der Amoklauf eines Mannes ganz München stundenlang in kollektive Terrorangst gestürzt.

Mehr Vorsicht, mehr Misstrauen – und mehr Fremdenfeindlichkeit sind Früchte der Terrorangst. In Würzburg und Ansbach waren die Täter Flüchtlinge. Mehrfach – etwa in Schleswig-Holstein und in Leipzig – standen Flüchtlinge mit syrischen Pässen unter Terrorverdacht. Auch die Attentäter von Paris waren als Flüchtlinge ins Land gekommen. Und für die Bluttat in Berlin ist nun auch ein Flüchtling unter Verdacht. Das ist Wasser auf die Mühlen der Rechten in Europa, von FPÖ über Front National bis zur Alternative für Deutschland (AfD), die erheblich zugelegt hat und bei Umfragen immer öfter als drittstärkste Kraft aufscheint, vor Grünen und Linken.

Die Migranten zu diskreditieren, damit Misstrauen zu säen und die Gesellschaft zu spalten, gehört laut Experten zur Strategie des IS.

Vielerorts bröckelt die anfängliche Willkommenskultur. Stattdessen werden strengere Regeln im Umgang mit Migranten diskutiert, weniger Leistungen sollen sie bekommen und sich besser anpassen.

Es waren in diesem zu Ende gehenden Jahr freilich nicht nur die Anschläge des IS, sondern auch andere Ausbrüche von Gewalt wie das Attentat von Orlando und der Putschversuch in der Türkei, der Amoklauf in München und die Übergriffe der Kölner Silvesternacht, die das Sicherheitsgefühl beeinträchtigt haben. „In der Wahrnehmung der Menschen fließen viele Dinge zusammen“, sagt der Wiesbadener Rechtspsychologe Rudolf Egg. Vor allem die zeitlich kurze Abfolge der jüngsten Ereignisse habe Sorge und Unsicherheit geschürt.

Nun traf es die deutsche Hauptstadt, die Gedächtniskirche als Mahnmal des Friedens – und letztlich Weihnachten, das christliche Fest, das so zentral zum gesellschaftlichen Leben gehört. „Weihnachten ist das Fest aller Feste“, ein „Symbol für Frieden, das ein kollektives Identitätsgefühl vermittelt“, sagt Egg. Ein Ziel, das besonders schmerze – und damit logisch, wenn man sich in den Kopf eines Terroristen versetze. „Wir müssen damit rechnen, dass es weitere, schlimmere Anschläge geben wird.“

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