Preisträger Murad und Mukwege : Friedensnobelpreis für Kampf gegen sexuelle Gewalt im Krieg

Wichtigste politische Auszeichnung der Welt: Die Vorderseite der Medaille des Friedensnobelpreises. /Scanpix Norway
1 von 4
Wichtigste politische Auszeichnung der Welt: Die Vorderseite der Medaille des Friedensnobelpreises. /Scanpix Norway

Die Jury für den Friedensnobelpreis greift ein hochaktuelles Thema auf: Tausende Frauen werden in Konfliktgebieten systematisch vergewaltigt, sexuelle Gewalt dient dort als Waffe. Zwei Menschenrechtler riskieren im Kampf dagegen ihr Leben.

svz.de von
05. Oktober 2018, 22:31 Uhr

Für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und Konfliktgebieten erhalten der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die irakische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad den Friedensnobelpreis 2018.

Die beiden Menschenrechtler hätten sich in herausragender Weise gegen solche Kriegsverbrechen eingesetzt, erklärte das norwegische Nobelkomitee am Freitag in Oslo.

Mukwege habe sein Leben der Verteidigung von Opfern sexueller Gewalt gewidmet, er sei «das führende, einigende Symbol des Kampfes zur Beendigung der sexuellen Gewalt in Krieg und bewaffneten Konflikten». Murad habe «außergewöhnlichen Mut bewiesen», als sie als Zeugin davon berichtete, wie sie selbst und andere missbraucht wurden. «Jeder von ihnen hat auf seine Weise dazu beigetragen, sexuelle Gewalt im Krieg besser sichtbar zu machen, so dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können», erklärte das Komitee.

Die 25-jährige Jesidin Murad ist selbst zum Opfer von Kriegsverbrechen geworden. Sie wurde von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak als Sex-Sklavin gehalten und vergewaltigt. Nach drei Monaten gelang ihr die Flucht, inzwischen lebt sie in Deutschland und macht als UN-Sonderbotschafterin auf die Qualen der IS-Opfer aufmerksam.

Der sexuelle Missbrauch sei systematisch und Teil einer militärischen Strategie gewesen, erklärte die Nobel-Jury. In der IS-Ideologie sind Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter», weil sie auch einen Engel verehren. Der jesidische Glauben ist die Ursprungsreligion der Kurden, Zehntausende flohen 2014, als der IS große Gebiete im Nordirak überrannte. Während die Terrormiliz die meisten jesidischen Männer wohl tötete, verkaufte sie die Frauen als Sklavinnen. Ende 2017 vertrieb die irakische Armee den IS aus dem Land.

Der irakische Präsident Barham Salih bezeichnete den Nobelpreis am Freitag auch als Anerkennung der tragischen Notlage der Jesiden. Die Auszeichnung sei eine Ehre für alle Iraker, die Terrorismus und Fanatismus bekämpften.

Der zweite Preisträger, der 63 Jahre alte Gynäkologe Denis Mukwege, behandelt in seiner von Konflikten zerrissenen Heimat Kongo Tausende Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Dafür gründete er 1999 das Panzi-Krankenhaus in Bukavu im instabilen Osten des Landes, wo er den Patienten auch psychologische, juristische und finanzielle Unterstützung anbietet.

«Die Bedeutung von Doktor Mukweges engagierten und selbstlosen Bemühungen in diesem Bereich kann nicht genug betont werden», erklärte die Nobelpreis-Jury. Mukwege erfuhr selbst im Operationssaal von seiner Auszeichnung. Das sei typisch für den engagierten Arzt, sagten seine Mitarbeiter norwegischen Medien. Der Rundfunksender NRK zeigte eine kurze Videoaufnahme aus dem Krankenhaus in Bukavu, in der Mitarbeiter Mukwege feiern.

Im Vorfeld hatten sich Experten schwer getan, einen Nobelpreisträger vorherzusagen. Den laufenden Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel etwa hielten sie für zu instabil. Kurz vor der Bekanntgabe wurden die Namen von Mukwege und Murad aber immer höher gehandelt - auch als Würdigung für die #metoo-Bewegung gegen sexuelle Belästigung, die vor allem in Europa und Nordamerika Wirkung entfaltete. Die Jury würdigte mit dem Preis zudem den zehnten Jahrestag der UN-Resolution für Frieden und Sicherheit von Frauen, in der sexuelle Gewalt als taktisches Kriegsverbrechen anerkannt wird.

Die Arbeit von Mukwege und Murad erfülle genau die Kriterien, die Alfred Nobel in seinem Testament für den Friedenspreis festgelegt habe, erklärte das Komitee. «Eine friedlichere Welt kann nur erreicht werden, wenn Frauen, ihre Grundrechte und Sicherheit im Krieg anerkannt und geschützt werden.» Mukwege und Murad hätten ihre eigene Sicherheit gefährdet, indem sie mutig Kriegsverbrechen bekämpft und sich um Gerechtigkeit für die Opfer bemüht hätten.

«Dieser Preis beleuchtet ein Thema, das lange Zeit im Schatten lag», sagte der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, Dan Smith. Sexuelle Gewalt werde in bewaffneten Konflikten als Waffe eingesetzt. «Die Verleihung des Preises an Denis Mukwege und Nadia Murad erkennt die Würde der Opfer sexueller Gewalt an, die ihnen zuvor entzogen wurde.»

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Murad 2016 selbst traf, ließ Glückwünsche übermitteln. «Das sind zwei großartige Preisträger, die beide für sich für den Schrei nach Menschlichkeit stehen - inmitten unvorstellbarer Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen antun», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk äußerte seinen Respekt für «den Mut, die Leidenschaft und die Menschlichkeit, die die beiden in ihrem täglichen Kampf demonstrieren».

Wie die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie und Literatur wird der mit neun Millionen schwedischen Kronen (etwa 860 000 Euro) dotierte Friedensnobelpreis am 10. Dezember verliehen, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

Überreicht wird die Auszeichnung allerdings - anders als die anderen Nobelpreise - nicht in Stockholm, sondern in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Warum Nobel dies damals entschied, ist nicht bekannt. In seinem Testament legte der Dynamit-Erfinder fest, die Auszeichnung solle an denjenigen gehen, der «am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verkleinerung stehender Armeen» gewirkt hat.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen