Rassismus : „Fremdenhass ist tief verankert“

Schauspielerin Iris Berben.
Schauspielerin Iris Berben.

Schauspielerin Iris Berben wird für ihren jahrzehntelangen Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geehrt.

svz.de von
24. April 2015, 11:45 Uhr

Die Schauspielerin Iris Berben (64) hat sich den Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie für eine Aussöhnung mit Israel zum Lebensthema gemacht. Für dieses Engagement erhält sie heute einen Radio Regenbogen Award als „Medienfrau des Jahres“. Die undotierte Auszeichnung des privaten Radiosenders, die im Europa-Park in Rust verliehen wird, passe in die Zeit, sagte Berben im Interview mit Jürgen Ruf. Gesellschaftliches Engagement sei gerade jetzt gefragt.

Pegida, Ausländerhass, Streit um Flüchtlinge: Wie erleben Sie derzeit das gesellschaftliche Klima in Deutschland?

Berben: Es macht mich wütend. Ich setze mich seit vier Jahrzehnten ein gegen Ausgrenzung, gegen Antisemitismus und gegen Fremdenfeindlichkeit sowie für das Erinnern unserer Geschichte als moralische Verpflichtung, die wir haben. Die Debatten, die wir jetzt erleben in Deutschland, erschrecken mich.

Aus welchem Grund?

Sie zeigen, dass es nicht um die sogenannten Ewiggestrigen geht. Es gibt eine starke Strömung aus der Mitte der Gesellschaft. Vorurteile, Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit sind dort tief verankert. Das liegt wohl in der Natur des Menschen und der Sache, dass da, wo es Probleme und Veränderungen gibt, immer nach Schuldigen gesucht wird. Hinzu kommt außerdem noch eine Ermüdung von Demokratie. Das spielt jenen in die Hände, die als Rattenfänger unterwegs sind und die Sorgen und Nöte der Menschen für ihre politischen Ziele missbrauchen.

Aber ist Ihre Arbeit gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die Sie seit Jahrzehnten führen, damit nicht gescheitert?

Natürlich gab und gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich mich frage, ob es etwas nutzt. Es ist ein Lernprozess, den auch ich machen musste: Die Fragen nach der eigenen Geschichte und den Lehren daraus ist keine Sache, die irgendwann am Ziel und erledigt ist. Es ist eine Thematik, mit der wir uns immer auseinandersetzen müssen.

Und diesen Staffelstab muss man immer wieder an die nächsten Generationen weiterreichen. Das direkte Resultat ist selten zu sehen.

Doch man darf sich davon nicht ermüden lassen.

Hat die nächste Generation überhaupt Interesse an dem Thema?

Ich mache Lesungen, gehe in Schulen, informiere über Israel, stelle mich Diskussionen. Und ich spüre schon, dass mit zeitlichem Abstand das Aufklären über Holocaust zum Beispiel mühsamer wird.

Wichtig ist mir, Kinder und Jugendliche zu erwecken. Man muss immer wieder neue Zugänge finden, es ihnen nicht als Last erscheinen zu lassen. Es darf nicht verordnet werden, nicht belastet sein. Es soll Spaß machen, sich mit Geschichte zu befassen und dadurch stark zu werden. Mir macht es großen Mut, mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten.

Mit Ihrem gesellschaftspolitischen Engagement machen Sie sich als Prominente aber auch angreifbar. Wäre es nicht leichter, sich auf die Schauspielerei zu konzentrieren?

Natürlich bekomme ich Reaktionen von beiden Seiten. Wobei ich sagen muss, dass die Unterstützung weitaus größer ist als die Ablehnung. Und wenn sich jemand in irgendeiner Weise stört oder bevormundet fühlt, kann das für mich kein Kriterium sein.

Das müssen die Leute aushalten. Dazu ist mir mein Alltag viel zu wichtig. Ich bin nicht 24 Stunden am Tag Schauspielerin, sondern ich bin Bürgerin dieses Landes. Wir leben als Prominente in einer Welt, in der wir uns nicht ausklinken können von dem, was um uns täglich herum geschieht.

Man sollte Haltung zeigen und zu seinen Überzeugungen stehen.

Es gibt aber nicht viele Schauspieler, die sich derart offen engagieren. Wieso sind es so wenige?

Die Frage ist, ob man sich angreifbar machen möchte. Und das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich kenne Kollegen die sagen, sie wollen mit nichts an die Öffentlichkeit gehen, um nicht angefeindet zu werden. Ich selbst habe das ganz pragmatisch genutzt.

Inwiefern?

Popularität hat auch eine Form von Kraft oder Macht, im besten Sinne. Macht, dass man wahrgenommen wird. Ich habe meine Tätigkeit die ersten zehn bis 15 Jahre auch sehr unbeobachtet im kleinen Kreis gemacht. Freunde sagten mir, dass ich es lauter machen und meinen Namen benutzen sollte. Das öffnet Türen und Köpfe. Und diese Auszeichnung nun, der Radio Regenbogen Award, hilft, Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Dafür bin ich dankbar.

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