Alternative für Deutschalnd : Frauke Petry - Rückzug mit Knalleffekt

Frauke Petry
Frauke Petry

Überraschende Wende im AfD-Machtkampf: Frauke Petry verzichtet auf eine Spitzenkandidatur – gibt sich aber weiter kämpferisch

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19. April 2017, 20:45 Uhr

Plötzlich zieht Frauke Petry zurück. Mit einer Videobotschaft, gepostet gestern Nachmittag bei Facebook, verkündet die 41-Jährige ihren Verzicht auf eine führende Rolle im Bundestagswahlkampf. Sie wolle alle Spekulationen beenden, erklärt sie, und werde weder für eine alleinige Spitzenkandidatur noch für eine Beteiligung an einem Spitzenteam zur Verfügung stehen.

Wirft Petry das Handtuch, aus Frust über Intrigen ihrer Widersacher? Paukenschlag wenige Tage vor dem AfD-Parteitag in Köln, bei dem die Weichen für den künftigen Kurs gestellt werden sollen: Zwischen Realpolitik oder Fundamentalopposition. Zwischen Abgrenzung von Rechtsextremen oder freier Hand für Radikale wie Björn Höcke.

12 Minuten und 33 Sekunden dauert Petrys Botschaft, der Text ist bis in die kleinste Formulierung ausgearbeitet, eine Deutschland-Fahne im Hintergrund, rechts ein Anti-Euro-Plakat. Die Vorstandssprecherin, seit Jahren das bekannteste Gesicht der Partei, wirkt angespannt, aber konzentriert und kämpferisch bei ihrer Rede an die „lieben Mitglieder und Delegierten“.

Offenbar hatte sie sich bereits früher erklären wollen. Gestern schlägt ihr Video in der AfD ein wie eine Bombe und sorgt für jede Menge Spekulationen: Alles nur ein Bluff, ein taktischer Winkelzug, um Unterstützer zu mobilisieren und die Wahl eines Spitzenteams zu verhindern? Oder meint sie es ernst? „Ich war vorab nicht informiert“, zeigte sich Co-Parteichef Jörg Meuthen völlig überrascht.

In Köln werde es um Sachfragen gehen, die maßgeblich über das Schicksal der AfD entscheiden würden, ist sich Petry sicher. Klein beigeben will sie also nicht – ganz im Gegenteil. Ihr Video ist auch eine Kampfansage und eine Abrechnung mit ihren Kritikern, die jüngst bei einem Geheimtreffen in Goslar ein Spitzenteam um AfD-Vize Alexander Gauland vorbereitet hatten. „Es gibt keine Soloplayer“, sagte diese Woche der niedersächsische Landeschef Paul Hampel an Petrys Adresse. Doch die setzte sich gestern zur Wehr: Immer wieder seien Namen lanciert worden, dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck der Uneinigkeit entstanden. „Ich bedauere sehr, dass einige Kollegen ein solches Erscheinungsbild der AfD in Kauf genommen haben“, beklagt sich Petry in ihrer Videoansprache über Durchstechereien und Heckenschützen in den eigenen Reihen.

Rückzug ja, aufgeben nein – die Parteichefin versucht die Flucht nach vorn. Ähnlich wie 2015 in Essen, als die AfD Parteigründer Bernd Lucke vom Hof jagte, dürfte es am Wochenende in Köln zum großen Showdown kommen.

Gastgeber der Veranstaltung wird als Chef der NRW-AfD ausgerechnet Petrys Ehemann Marcus Pretzell sein. Bereits im Vorfeld hatte seine Frau einen Antrag lanciert, der eine realpolitische Ausrichtung der Partei fordert und an dem sie festhalten will. Darin der Kernsatz: „Insbesondere ist in der AfD für rassistische, antisemitische, völkische und nationalistische Ideologien kein Platz.“

„Der Wähler hat ein Recht darauf, von uns zu erfahren, wie wir uns die kommenden Jahre als Partei aufstellen wollen“, warnte sie gestern vor einem Abstieg der AfD. Im Herbst 2015 habe ihr Wählerpotenzial noch bei 30 Prozent gelegen, inzwischen seien es nur noch 14 Prozent.

Kommentar von Michael Seidel: Alternativ ist anders

Da hat die AfD-Chefin aber  einen „Scoop“ gelandet. So nennt man eine  exklusive, unerwartete Nachricht, an der andere Medien  nicht vorbeikommen. Doch was sagt uns Petrys Verzichts-Botschaft? Die  AfD ist in den Niederungen der  Politik angelangt. Sie verschleißt sich  an den Mühen der Ebene. Petry zwingt ihre Partei zur Richtungsentscheidung: Realpolitik oder Fundamentalopposition – im demokratischen Spektrum oder extrem rechts außen? Beiläufig spielt sie  im Streit um Solospitze oder Spitzenteam im Wahlkampf den Ball von sich weg ins Feld der  testosterongesteuerten Herren-Gilde.

Dies dürfte der Anfang vom Ende als Parteichefin sein, denn eine Vorsitzende, die nicht führen will, wird scheitern. Ob es das Ende der AfD als ernst zu nehmender politischer Akteur sein wird, ist nicht ausgemacht. Schließlich ist die Büchse der Pandora seit der Diffamierung „politischer Korrektheit“ geöffnet. Aber die Protesttruppe, die sich anmaßt, die Alternative zu „Systemparteien“ zu sein, hat sich mit dem Intrigen-stadl  entzaubert: Es geht ihr nicht um  Sachfragen, sondern um Plätze an den Futtertrögen der Macht. Mögen die Spiele beginnen!

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