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Andrea Nahles im Interview : Frauen in der Teilzeit-Falle

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales über Fachkräftemangel, Flüchtlinge und Rente

von
erstellt am 30.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt zu. Offene Stellen bleiben länger unbesetzt, in den „Mangelberufen“ zeichnet sich keine Verbesserung ab. Darüber sprach Rasmus Buchsteiner mit Andrea Nahles (SPD), Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Wie dramatisch ist die Entwicklung?
Nahles: Wir müssen unbedingt eine große Schippe drauflegen. Bereits jetzt wird händeringend nach Fachkräften gesucht. Wir brauchen mehr Qualifizierung, mehr Frauenförderung und Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz. Es geht darum, auch Fachkräfte unterhalb des akademischen Levels anwerben zu können.

Warum wird beim Thema Fachkräfte immer gleich an mehr Zuwanderung gedacht?
Natürlich müssen wir das Potenzial, das wir selbst haben, sehr viel besser ausnutzen. Viele Frauen in Deutschland arbeiten  nur  in Teilzeit. 750 000 würden gerne länger arbeiten, aber sie stecken in der Teilzeitfalle. Ich habe einen Gesetzentwurf für ein Recht auf Rückkehr von Teil- in Vollzeit vorgelegt. Da hat die Union blockiert.

Was hilft sonst noch gegen den Fachkräftemangel?
Für den digitalen Wandel brauchen wir eine langfristige Weiterbildungs- und Qualifizierungsstrategie. Deshalb haben wir das „Chancenkonto“ für Erwerbstätige entwickelt. Qualifizierung soll nicht erst bei Arbeitslosigkeit einsetzen, sondern dann, wenn es ins Erwerbs- und Privatleben der Menschen passt, unabhängig vom eigenen Geldbeutel. Alle sollen ein Guthaben bekommen, das sie investieren können – in sich selbst. Für eine Unternehmensgründung oder Qualifizierung.

Wie weit ist Deutschland von der Vollbeschäftigung entfernt?
Wir haben große Fortschritte gemacht. Ich bin sehr froh, beinahe jeden Monat gute Zahlen verkünden zu können. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Es gibt eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit, bei der wir mit den vorhandenen Mitteln nicht weiterkommen. Wer Vollbeschäftigung verspricht, muss auch etwas dafür tun – und anders als Frau Merkel habe ich dazu auch ein Konzept...

Und zwar?
Es ist Zeit für öffentlich geförderte Beschäftigung, sonst erreichen wir keine nachhaltigen Effekte im Kampf gegen die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit.

Wir wollen das Programm „Soziale Teilhabe“ in das Regelgeschäft überführen: Für 100 000 Plätze müssen wir bis zu zwei Milliarden Euro investieren.

Wenn Merkel sagt Vollbeschäftigung, muss sie auch diesen Menschen ein Angebot machen und nicht kneifen, wenn es ums Geld geht. Und was immer vergessen wird: Wir haben auch eine Zunahme von Arbeitslosigkeit, weil immer mehr Flüchtlinge in der Statistik auftauchen.

Merkel hat gesagt „Wir schaffen das!”, aber sie lässt mich auch hier hängen, wenn es im Haushalt um die Kosten des Mehraufwands für die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen geht. Wer A sagt, muss auch B sagen!

Sind die Jobchancen von Flüchtlingen nicht von Anfang an überschätzt worden?
Es war von Anfang an klar, dass die Sache kein Sprint wird, sondern ein Langstreckenlauf. Im Mai 2017 hatten wir 149  000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Flüchtlinge und zusätzlich 54 000 in Minijobs. Das ist ein großer Fortschritt.

Viele kommen jetzt aus den Integrationskursen, bereits gut Qualifizierte haben inzwischen Weiterbildungen erhalten. Andererseits haben wir 585 000 Flüchtlinge, die auf Hartz IV angewiesen sind und rasch in Jobs vermittelt werden sollten.

Was ist die größte Ungerechtigkeit im Land?
Die unteren 40 Prozent der Einkommensgruppen haben seit 1995 keine Reallohnsteigerungen mehr erfahren. Das sind Leute, die jeden Morgen früh ausstehen und sich anstrengen. Sie merken, dass das Geld immer knapper wird. Wir haben zwar den Mindestlohn durchgesetzt. Aber fragen Sie mal den Hermes-Boten oder die Altenpflegerin, ob sie bekommen, was sie verdienen.

Was tun?
Die Politik muss sich engagieren für bessere Löhne. Wir brauchen einen Pakt für anständige Löhne. Und wir wollen zum Beispiel helfen, einen Tarifvertrag für die sozialen Berufe auf den Weg zu bringen. Wegen zu geringer Löhne machen sich viele Menschen in Deutschland Sorgen um Ihre Alterssicherung. Gemeinsam mit Malu Dreyer und Katarina Barley werde ich dazu heute in Mainz einen Fünf-Punkte-Plan vorstellen.

Ausgerechnet die diejenigen, die jetzt geboren werden, wären nach einer Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die größten Verlierer, wenn die Rentenpläne der SPD Wirklichkeit würden. Ist das nicht ungerecht?
Wer diesen Arbeitgeberverein nach Arbeitnehmerinteressen fragt, macht den Bock zum Gärtner. Das Gegenteil ist wahr: Fakt ist doch, dass nach jetzt geltender Rechtslage junge Menschen deutlich mehr werden zahlen müssen als vorherige Generationen. Ohne Reformen würden wir bis 2045 bei einem Beitragssatz von 23,6 Prozent landen.

Und dazu kommt: Dafür gäbe es auch viel weniger Rente. Mehr zahlen, weniger rausbekommen – das ist natürlich kein guter Deal für die jungen Menschen von heute.

Wir setzen dagegen ein Konzept, das sich lohnt. Die Kosten für die Rente werden steigen, aber man kann sie gerechter finanzieren, indem mehr Steuermittel herangezogen werden. Damit die, die am meisten zahlen, auch in Zukunft auf eine verlässliche und gute Rente im Alter vertrauen können.

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