Lüders-Bericht : Frauen in der Kostenfalle

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Diskriminierende Abzocke oder gerechtfertigte Marketingstrategien? Hintergründe zum Lüders-Bericht.

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21. Dezember 2017, 04:55 Uhr

12,50 Euro mehr für einen Kurzhaarschnitt, ein Euro mehr für identische Rasierklingen in pinkfarbener statt in blauer Verpackung: Nur zwei von vielen Beispielen für das sogenannte Gender Pricing, bei dem Unternehmen den Preis vom Geschlecht abhängig machen. Erstmals sind die unterschiedlichen Preise, die Frauen und Männer in Deutschland für gleiche Dienstleistungen oder Produkte bezahlen müssen, genau unter die Lupe genommen worden. Das Ergebnis präsentierte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, gestern in Berlin.

Die wichtigsten Befunde: Für die Studie wurden 1700 Produkte und 380 Dienstleistungen untersucht. Bei 60 Prozent der getesteten Dienstleistungen gab es Preisunterschiede – in der Regel zugunsten von Männern. So müssen Frauen im Schnitt für einen Kurzhaarschnitt beim Friseur 12,50 Euro mehr zahlen als männliche Kunden. In Reinigungen wird für Blusen im Schnitt 1,80 Euro mehr verlangt als für Herrenhemden. Es gibt aber auch gegenteilige Fälle: Etwa in Clubs, in denen Frauen freien Eintritt haben, oder in Dating-Portalen, die nur für Männer kostenpflichtig sind.

Auch bei Produkten gibt es „Gender Pricing“. Baugleiche Rasierklingen bei Aldi kosten 4,49 Euro (For Women) und 3,89 Euro (For Men). Das Prinzessinnenschaumbad für Mädchen ist mit 2,95 Euro ein Euro teurer als die „Saubär“-Version für Jungs. Anders als bei den Dienstleistungen ist „Gender Pricing“ bei Produkten nicht weit verbreitet. Nur bei knapp vier Prozent aller untersuchten Angebote gab es Differenzen nach Geschlecht.

Die Kritik: Ist der „Frauenaufschlag“ für Kurzhaarschnitte oder in der Reinigung diskriminierend? „Ja. Wenn das durch eine Mehrleistung nicht gerechtfertigt ist, handelt es sich ganz klar um Diskriminierung“, so Bundesfrauenministerin Katarina Barley (SPD) gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Dass viele Drogerieprodukte für Frauen teurer sind, führen Experten auf die Bereitschaft von Frauen zurück, für die Körperpflege mehr Geld auf den Tisch zu legen.

„Hersteller und Händler nutzten offenbar aus, dass Frauen bereit sind, für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen mehr zu zahlen als Männer“, so der Vorwurf der Verbraucherzentrale Hamburg. „Das muss aufhören.“ Die Antidiskriminierungsstelle wirft dem Handel vor, „gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zu verstoßen“.

Die Rechtfertigung: Bei Dienstleistungen stehe mehr Arbeit hinter den höheren Preisen, so der Zentralverband des Friseurhandwerks. 15 Minuten länger dauere eine Damenfrisur im Schnitt. Und der Textilreinigungsverband verteidigt höhere Preise mit dem Hinweis, es sei deutlich aufwendiger, Rüschenblusen zu bügeln als Herrenhemden.

Die Forderungen: Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, verlangt insbesondere vom Reinigungs- und Frisiergewerbe eine Selbstverpflichtung, „Dienstleistungen nach der konkreten Art der Leistung und nicht pauschal nach Geschlecht anzubieten“.

Tobias Schmidt

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