Die Linke : Fraktionsführung mit Flügeln

Verstehen sich ganz gut: Dietmar Bartsch (l.) und Sahra Wagenknecht
Verstehen sich ganz gut: Dietmar Bartsch (l.) und Sahra Wagenknecht

Neue Ära bei den Linken: Wagenknecht und Bartsch sollen nach Gysis Rückzug das Machtvakuum füllen.

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15. Juni 2015, 21:00 Uhr

Jetzt also doch: Sahra Wagenknecht soll künftig zusammen mit Dietmar Bartsch die Fraktion der Linken im Bundestag führen. Noch vor drei Monaten hatte die Wortführerin des linken Parteiflügels ihren Verzicht auf eine Kandidatur erklärt. Der Grund dafür war eine bittere Abstimmungsniederlage der Finanzexpertin in der Fraktion bei ihrem wichtigsten Thema: der Schuldenkrise in Griechenland.

Nach dem vor einer Woche angekündigten Rückzug von Linksfraktionschef Gregor Gysi gab es zum Duo Wagenknecht und Bartsch kaum noch eine Alternative. Nur ihnen wird zugetraut, das Machtvakuum einigermaßen füllen zu können.

Gysi selbst hat nach der Bundestagswahl vor fast zwei Jahren angefangen, die beiden als seine Nachfolger aufzubauen. Beide erhielten herausgehobene Stellvertreterposten. Gysi vertrat die Auffassung, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, die zerstrittene Fraktion in den Griff zu bekommen. Entweder es macht ein Integrator aus der Mitte. Da gibt es nur einen: Gysi selbst. Oder es machen die Anführer der Flügel: Das sind Wagenknecht vom linken Flügel und Bartsch, der gemäßigte Reformer.

Das Führungskonzept Gysis klingt erst einmal plausibel. Vom Typ her ergänzen sich Wagenknecht und Bartsch gut. Die 45-jährige gilt als brillante Rednerin und beliebter Talkshow-Gast. Bei der Außendarstellung der Linken kann sie Gysi durchaus das Wasser reichen. Bartsch dagegen ist ein rhetorisch und inhaltlich vergleichsweise blasser Stratege, der Partei und Fraktion aber kennt wie kaum ein anderer.

Für den Aufstieg an die Spitze haben die beiden persönliche Konflikte beiseitegelegt. Inzwischen würden sie sich ganz gut verstehen, heißt es von beiden Seiten. Trotzdem hat Gysis Konzept der Flügelführung einige Haken. Inzwischen gibt es in der Linken nämlich nicht nur die beiden Flügel, sondern auch noch eine dritte Fraktion dazwischen. Sie wird „Mittelerde“ genannt und von Parteichefin Katja Kipping angeführt.

Bartsch und Wagenknecht müssen nun also gleich drei Lager in der Fraktion auf einen politischen Kompromissweg bringen. Die Gegensätze sind gewaltig. Teile des linken Flügels setzen auf Fundamentalopposition. Die gemäßigten Reformer streben dagegen offensiv eine rot-rot-grüne Regierung an. Dafür sind sie bereit, bei der zentralen Frage einer Regierungsbeteiligung Kompromisse einzugehen und Auslandseinsätze der Bundeswehr nicht mehr pauschal abzulehnen. Für die Pazifisten des linken Flügels – aber auch für einige „Mittelerdler“ – geht das gar nicht.

Vieles spricht dafür, dass die schwierigsten Streitfragen aus taktischen Gründen bis zur Bundestagswahl ausgeklammert werden.

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