Debatte : Flüchtlinge gegen Fachkräftemangel?

Arbeitskräfte aus den Reihen der Flüchtlinge erwartet der Arbeitgeberverband am ehesten im gewerblichen und handwerklichen Bereich.
Arbeitskräfte aus den Reihen der Flüchtlinge erwartet der Arbeitgeberverband am ehesten im gewerblichen und handwerklichen Bereich.

Hintergründe zur Debatte über den wachsenden Personalbedarf in der Pflege

von
11. März 2016, 08:00 Uhr

Beim Deutschen Pflegetag spielt die Branche Szenarien für die Zukunft durch. Die absehbar steigende Zahl der Pflegebedürftigen führt dazu, dass in den nächsten Jahren Hunderttausende zusätzliche Fachkräfte benötigt werden. Dabei setzt die Politik nicht nur auf die geplante Reform der Pflege-Ausbildung. Flüchtlinge gegen den Fachkräftemangel? Hintergründe zum Deutschen Pflegetag und zur Debatte über den wachsenden Personalbedarf in Heimen und Pflegediensten.

Wie entwickelt sich die Zahl der Pflegebedürftigen?

Aktuell gibt es rund 2,7 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Gut zwei Drittel von ihnen werden zu Hause betreut und gepflegt. Für 2030 wird mit 3,5 Millionen Pflegebedürftigen gerechnet. Die Zahl der Pflegefälle in der Altersklasse der 80- bis 89-Jährigen wird um mehr als ein Viertel auf 1,3 Millionen steigen. Bei den über 90-jährigen wird mit einer Verdopplung auf 900 000 gerechnet. Dagegen wird die Zahl der Pflegebedürftigen unter 65 Jahren zurückgehen.

Wie groß ist der Fachkräftebedarf?

Das Statistische Bundesamt rechnet bis 2025 mit einem ungedeckten Bedarf an ausgebildeten Pflegekräften in Höhe von 135 000 bis 214 000 Vollzeitkräften. Aktuell arbeiten rund 316 000 Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern, 320 000 bei ambulanten Pflegediensten und 685 000 in Heimen.

Wie realistisch ist es, Flüchtlinge zu Fachkräften auszubilden?

Ein erstes Modellprojekt, bei dem Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan zu Pflegern ausgebildet werden, läuft bereits. „Ich sehe in der Flüchtlingskrise eine Chance für die Pflege in Deutschland“, sagt Jürgen Graalmann, Geschäftsführer des Deutschen Pflegetages. Allerdings: Bei den Flüchtlingen handelt es sich laut Pflegerat meist um junge Männer, „die aus einem Kulturkreis kommen, in dem Pflege nicht zu den hoch angesehenen Berufen gehört“.

Wie soll die Pflegeausbildung reformiert werden?

Aus den bisherigen drei Ausbildungsgängen – Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege – soll ab 2018 einer werden. Geplant ist eine dreijährige Fachkraftausbildung, mit Unterricht an Pflegeschulen und praktischer Ausbildung etwa in Heimen oder Krankenhäusern.

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Lösung gesucht
Kaum ein Sektor entwickelt sich dynamischer als die Pflege. Doch kaum einem anderen Berufszweig droht ein ähnlich großes Fachkräfteproblem. Die Politik hat die Größe der Aufgabe inzwischen glücklicherweise erkannt und eine Reform der Ausbildung auf den Weg gebracht. Die geplante Zusammenlegung der Ausbildung für die Alten-, Kinder- und Krankenpflege ist vom Ansatz her richtig, denn das Berufsbild und die gefragten Qualifikationen haben sich in der jüngeren Vergangenheit angeglichen. Doch die Ungleichgewichte in der Bezahlung werden bis auf weiteres ein Problem bleiben: Wenn die neue universelle Pflegeausbildung berechtigt, im Krankenhaus wie beim Pflegedienst oder im Heim zu arbeiten, kann das nur zu einem Exodus von Altenpflegekräften in die weitaus besser bezahlte Krankenpflege führen. Sich allein auf das freie Spiel der Kräfte zu verlassen und davon auszugehen, dass Heime und Pflegedienste bei wachsender Personalnot schon die Löhne heraufsetzen werden, dürfte allerdings kaum ausreichen. Die Politik muss den Arbeitgebern, die unter immer stärkerem Kostendruck stehen, Spielräume eröffnen, die eine bessere Bezahlung in der Altenpflege möglich machen. Das vom Bundeskabinett beschlossene Reformprogramm bietet hier keine Lösung.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert