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Streitbar TTIP : Feigheit vor dem Wettbewerb

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

STREITBAR: Das Trans-Atlantic Free Trade Agreement (TTIP) ist Hauptziel verschiedenster Protestbewegungen – völlig zu Unrecht, analysiert Jan-Philipp Hein.

Stellen Sie sich kurz vor, ein Kaufmann des Mittelalters wäre vor ein paar Tagen per Zeitmaschine auf einen beliebigen deutschen Marktplatz verfrachtet worden. Sagen wir mal Bremen. Er hätte sich dort nach der Landung kurz geschüttelt, über die vielen Multifunktionsjacken gewundert, um schließlich irgendwann am obligatorischen Stand irgendeiner der Gruppierungen zu landen, die mit Verve gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA agitieren. Eine von denen hat ja immer Dienst, ob nun der BUND, die Grünen oder Attac.

Da steht unser Zeitreisender nun und lässt sich erklären, warum dieses Trans-Atlantic Free Trade Agreement (TTIP) des Teufels ist. „Buchpreisbindung“ und „Chlorhühnchen“ würden die Protestprofis ihm zurufen, dazu diverse Broschüren überreichen und davor warnen, dass der Schutz regionaler Produkte wie etwa der Nürnberger Rostbratwurst, Bremer Klaben oder Dresdner Christstollen in Gefahr sei. Dazu noch diese Schiedsgerichte, mit denen im Handumdrehen der über Jahrhunderte geführte Kampf für die Demokratie zunichte gemacht würde.

Mal davon ab, dass diese deutsche Demokratie zu wesentlichen Teilen und ohne Strafzölle aus den Vereinigten Staaten importiert wurde – was würde unser Kaufmann wohl denken? Wahrscheinlich so was in der Art: „Die spinnen, meine Nachfahren.“ Er würde sodann das nächstbeste Café aufsuchen und nach dem hektischen Ritt durch Raum und Zeit etwas zur Ruhe kommen wollen. Und während er gedankenversunken aus dem Fenster starrt, begreift er allmählich, was den größten Unterschied zu der Welt ausmacht, die ihm vertraut ist. Die spinnen nämlich doch gar nicht, in diesem Bremen. Die sind einfach nur alt und saturiert — und das nicht nur in diesem Bremen.

Da unser Kaufmann ausgerechnet dort gelandet ist, hätte er sich nach dem Nickerchen im Café den erstbesten Protestheini gegriffen und zum Schütting geschleift. In jenem Gebäude gegenüber vom Roland und dem prächtigen Rathaus residiert – kaum weniger prächtig – die stolze Handelskammer des kleinsten Bundeslandes der Welt. Das Mittelalter würde den jungen Mann in seiner „Jack Wolfskin“-Jacke vors Portal zerren und auf die Inschrift darüber zeigen: „Buten un Binnen, wagen un winnen“.

Genau so wurde nicht nur Bremen mal eine Handelsmacht. Was über der Handelskammer geschrieben steht, ist das schlichte Geheimnis der freien Welt. Handel und Wettbewerb über alle Grenzen hinweg haben mehr Segen und Freiheit über uns gebracht als jede Ideologie. Die Freie Hansestadt Bremen war mal eine der mächtigsten Städte der Hanse.

Der Kaufmann dieser kleinen Geschichte kennt die Hanse aus seinem Alltag. Mit seinen Kollegen aus den niederdeutschen Metropolen des Mittelalters pflegt er florierende Geschäftsbeziehungen. Mehr und mehr Städte schließen sich dem Bündnis an. Dass deshalb sein persönlicher Wohlstand und der seiner Stadt stetig steigen, erfährt er jeden Tag. Den Bremern ging es auch einst so.

Die Hanse war ein mächtiger Bund, der sich ohne Waffengewalt ausbreitete. Wer miteinander handelt, beschießt sich nicht. Klar: Ein Krieg zwischen Europa und den USA ist heute und morgen nicht besonders wahrscheinlich. Aber doch muss man sich fragen, warum ein derart hysterisches Gewese und Geschrei um ein Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Staaten gemacht wird – gerade in Deutschland.

Unser Kaufmann hat ja schon eine Idee, woran es liegen könnte. Das Deutschland, in dem er gelandet ist – das sieht er sofort nach seiner Ankunft – ist überaltert. Mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung ist im Rentenalter, nur rund dreizehn Prozent der Deutschen sind unter 15 Jahre und haben ihr Leben noch vor sich. Vielleicht ist es also kein Wunder, dass man permanent Angst hat, im schrankenlosen und freien Wettbewerb mit den USA unter die Räder zu geraten. Dort sind nämlich nur knapp 14 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt und fast 20 Prozent noch unter 15 Jahre. Das ist ein handfester Vorteil.

Als die Hanse gegründet wurde und ihre Blütezeit erreichte, war die Lebenserwartung weit von unserer entfernt. Es waren junge Menschen, die allen Mut und ihre Energie zusammen nahmen, um neue Wege zu gehen. Mit 50 war man hingegen bereits ein Greis.

Deutschland lebt auch heute im Wohlstand. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise niedrig, die Wirtschaft prosperiert, die Preise für die unverzichtbaren Konsumgüter und Dienstleistungen sind erschwinglich. Dieser Tage kommt vielen das Land verdammt komfortabel vor. Ein Freihandelsabkommen mit den USA ist da wie die Antwort auf eine Frage, die keiner stellt. Wir denken, wir sind gut aufgestellt und alles könne bleiben, wie es ist. Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln. Das demographische Problem Deutschlands betrifft nicht nur die Rentenkasse. Dort werden immer mehr Rentner von immer weniger Einzahlern versorgt werden müssen. Es geht viel tiefer. Eine immer älter werdende Gesellschaft wird ihre Innovationskraft Stück für Stück verlieren. Wer demnächst seine wohlverdiente Rente genießt, sucht keine neuen Wege mehr, wie es einst die stolzen Kaufleute taten, die die Hanse erschufen. Warum auch. Das Nest ist gemacht. Was draußen, also „buten“ ist, kann da doch egal sein. Die altersbedingte Zufriedenheit mit dem was wir haben, hat die ganze Gesellschaft ergriffen. Es sind beispielsweise viele alte Menschen, die in Stuttgart gegen den Abriss eines platzfressenden und abgrundtief hässlichen Bahnhofs protestierten und teilweise immer noch auf die Straße gehen. Ihr Kalkül ist klar: Warum sollten sie sich ein Jahrzehnt Baulärm, Dreck und Verkehrschaos antun, wenn sie die Rendite davon doch kaum noch auskosten können. Aber auch die Jungen, angesteckt von den Meinungsführern bei den Nichtregierungsorganisationen und den Oppositionsparteien, sträuben sich gegen S21. Die Mehrheit regiert nun mal und gibt die Richtung vor.

Die TTIP-Hysterie ist damit gut vergleichbar. Ein noch direkterer, weniger beschränkter Wettbewerb mit der innovativsten und jüngeren Wirtschaft der Welt, würde uns Beine machen und Zumutungen bedeuten. Deutschland steht für grandiosen Maschinenbau und fantastische Autos. In den USA schlägt jedoch das Herz der Moderne. Das Silicon Valley gibt den Puls des weltumspannenden IT-Organismus vor. Die wertvollsten Konzerne der Welt heißen eben nicht Siemens, Mercedes oder BMW, sondern Google, Apple oder Microsoft. Unter den Top-Ten der teuersten Firmen der Welt, sind acht aus den USA. Deutschland hat gerade mal sechs in den Top 100. Das könnte auch was mit der Altersstruktur beider Länder zu tun haben.

So betrachtet wird aus dem Widerstand gegen TTIP nicht das heroische Eintreten für Verbraucherschutz oder gar die Demokratie an sich – beides ist in den USA mindestens so weit entwickelt wie hier. Es bleibt nur noch Feigheit vor dem Wettbewerb übrig, eine Art vorauseilender Kapitulation. Unsere mittelalterlichen Kaufleute waren da weiter. Sie wagten und gewannen. Sie waren mutig und innovativ. Sie gingen voran und wollten nicht verharren. Folgen wir ihnen. Freihandel ist das beste, was uns passieren kann – auch und gerade mit den USA.

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