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Jürgen Todenhöfer : „Fanatischer als die Taliban“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Interview mit Jürgen Todenhöfer über seine Reise ins Herrschaftsgebiet der Terrormiliz Islamischer Staat

Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete (bis 1990) und Bestseller-Autor Jürgen Todenhöfer reiste vor Weihnachten in Gebiete, die vom Islamischen Staat (IS) besetzt sind. Rasmus Buchsteiner sprach mit dem Publizisten.

Herr Todenhöfer, Sie waren zehn Tage bei IS-Kämpfern. Wie sehr mussten Sie um Leib und Leben fürchten?
Todenhöfer: Wir waren mitten im Krieg. Es gab jede Nacht Schießereien. Ich hörte, wie in der Nähe Bomben einschlagen. Über uns waren amerikanische Flugzeuge. Die erste Nacht bei den IS-Kämpfern habe ich in Rakka in Syrien verbracht. Als wir nach acht Tagen dahin zurückkamen, war unsere Wohnung ausgebombt.


Was bewog Sie, den IS unbedingt von innen kennenzulernen?
Als ich bei meinen Recherchen für ein Buch nicht mehr weiterkam, beschloss ich, dass ich dort hinmusste. Ich möchte immer ein möglichst umfassendes Bild. In Afghanistan habe ich Taliban-Führer genauso besucht wie den damaligen Präsidenten Karsai. In Syrien war ich bei Präsident Assad, aber auch bei der Freien Syrischen Armee. Ich bin von Hause aus Richter: Da habe ich gelernt, dass man immer alle Seiten hören sollte.


Sind Sie wirklich bis zur IS-Führung durchgedrungen?
Ich hatte eine Sicherheitsgarantie von höchster Stelle. Mir wurde gesagt, dass sie von Abu Bakr al-Baghdadi, dem sogenannten Kalifen, gebilligt wurde. Meine Gesprächspartner waren alle von niedrigerem Rang. Aber sie waren von der obersten Führung beauftragt, mich zu begleiten und zu informieren. Ich bekam also keine Privatmeinungen zu hören, sondern offizielle IS-Positionen.

Haben Sie Hinweise dafür, dass IS entscheidend geschwächt wäre?
Ich kann nur beurteilen, was ich selbst gesehen habe. Da hatte ich nie den Eindruck einer Schwächung. Der IS hat mittlerweile ein Gebiet größer als Großbritannien erobert. Ob eine Stadt wie Kobane in ein paar Tagen, inWochen oder gar nicht eingenommen wird, spielt da überhaupt keine Rolle. Rakka und Mosul sind Millionenstädte. Sie werden vom IS beherrscht. Ich habe dort festgestellt, dass die IS-Kämpfer sehr stark und voller Siegesgewissheit sind. Sie verströmen einen Fanatismus und einen Enthusiasmus wie ich ihn selbst bei den Taliban nicht erlebt habe. Das hat mich völlig verblüfft.

Haben Sie auch mit Kämpfern aus Deutschland gesprochen?
Ja, sehr häufig sogar. Sie gehörten zu den Überzeugtesten. Sie sind der Meinung, in Deutschland ihren Glauben nicht frei leben zu können, und sind deshalb in den Kampf gezogen. Sie halten die Muslime bei uns in Europa nicht für richtige Muslime. Selbst die meisten Salafisten genügen ihren Ansprüchen nicht.

Martialische Hinrichtungen, Vergewaltigung, Vertreibung, Einschüchterung - wie rechtfertigen die Kämpfer ihre Brutalität?
Diese Bewegung agiert wie im Mittelalter. Aus jener Zeit kennen wir diese Formen der Bestrafung. Das ist aus westlicher Sicht ein zivilisatorischer Rückschritt. In der IS-Ideologie ist es aber die Vo-raussetzung für das wahre Leben. Dazu gehört der unbedingte Glaube, zu einer auserwählten Minderheit zu gehören, die Schritt für Schritt das gelobte Land erobert.

Da heiligt der Zweck die Mittel?
Ich habe diese Brutalität ständig angesprochen. Ich habe mehrfach den Koran gelesen und dort findet sich eine solche Brutalität nicht wieder. Meine Gesprächspartner geben zu, dass es Enthauptungen gibt. Und sie sind auch noch stolz darauf, weil sie ihre Opfer als Ungläubige sehen. Beim Thema Vergewaltigung habe ich unsägliche Diskussionen erlebt. Da wird argumentiert, dass es sich um Strafen handelt, nicht um Vergewaltigungen. Das ist etwas, was ich nicht akzeptieren kann. Das habe ich so auch gesagt.

Und wie war die Reaktion?
Sie räumen diese Gräueltaten ein. Aber sie sagen auch: Wir sind offen brutal, der Westen nur heimlich. Sie werfen den Amerikanern vor, im Irak Hunderttausende Zivilisten umgebracht zu haben, und sind selbst überzeugt, nichts Böses zu tun. Sie sehen es als ihre Verpflichtung an, die Welt von den Ungläubigen zu reinigen. Setzen sie ihre Pläne um, geht es um die größte religiöse „Säuberung“ der Geschichte.

Hat die Welt eine Schutzverantwortung gegenüber den Menschen der Region?
Wer die Schriften von Immanuel Kant gelesen hat, weiß: Eine Grundvoraussetzung des Friedens ist die Nichteinmischung von außen. Mit diesem Prinzip hat der Westen immer wieder gebrochen. Mal ging es um Christianisierung, mal um die Bekämpfung von Terrorismus oder die Beseitigung angeblicher Massenvernichtungswaffen. Die neueste Variante ist die Schutzverantwortung. Natürlich haben wir Verantwortung. Aber wir werden ihr nicht dadurch gerecht, dass wir mit Waffen von außen eingreifen. Das ist für mich die Lehre aus Afghanistan, Libyen und Irak. Der amerikanische Krieg gegen Saddam Hussein hat die Probleme verursacht, vor denen wir heute stehen.

Wie weit gehen die Ambitionen des IS?
Das Ziel ist es, jetzt den mittleren Osten zu erobern. Es geht offenbar darum, als Nächstes Saudi-Arabien oder Jordanien anzugreifen. Grundsätzlich streben die IS-Ideologen die Weltherrschaft an, so merkwürdig das klingen mag. Das bedeutet, dass nur noch die drei Buchreligionen zugelassen wären - das Christentum, das Judentum und ein sehr strenger Islam. Demokraten gelten generell als Ungläubige, weil sie Gesetze über die Regeln Gottes stellen, und sind deshalb zu töten. Man kann natürlich der Meinung sein, dass das alles wirre Phantastereien sind. Aber wer vor einem halben Jahr hätte vorhersagen können, wie weit diese Organisation heute schon ist, wäre ausgelacht worden.

Mit wie viel Zuversicht, dass der Vormarsch sich stoppen lässt, sind Sie zurückgekehrt?
Die Entschlossenheit dieser Kämpfer sollte niemand unterschätzen! Im Vergleich dazu sind Bin Laden und Al Kaida Zwergengestalten.

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