Referendum Großbritannien : Europa würde auch Brexit überleben

dpa_14919e003c271fe9
Foto:

Am Donnerstag fällen die Briten ihr Urteil über ihr europäisches Sein oder Nichtsein

svz.de von
22. Juni 2016, 21:00 Uhr

Das Zitat eines Europa-Politikers ist hängengeblieben: „Die EU wird im März 2017 60 Jahre alt. Und sie fühlt sich gerade so an wie ein 59-Jähriger, der auf die Diagnose des Arztes wartet: Ist der Tumor gut- oder bösartig?“

Am Donnerstag fällen die Briten ihr Urteil über ihr europäisches Sein oder Nichtsein. Manche prophezeien schon den Untergang der Union, sollte das Vereinigte Königreich für einen Brexit stimmen.

Tatsache ist: Bisher standen die Bewerber für einen Beitritt Schlange. Wenn zum ersten Mal ein Mitgliedsstaat gehen würde, wäre das eine beispiellose Zäsur, aber sicherlich nicht das einzige Problem, das diese Gemeinschaft zu lösen hätte. Die Griechenland-Krise zerrt an den Nerven. Die Bewältigung der Flüchtlingswelle ist noch längst nicht geschafft. In Spanien droht bei den Wahlen am Sonntag ein weiterer Sieg EU-kritischer Kräfte. Das Vorzeigeprojekt TTIP tritt nicht einmal mehr auf der Stelle. Europa wird von seinen Krisen erdrückt und hat sich dennoch stets selbst gerettet. Was vielleicht auch daran liegt, dass immer dann, wenn es brenzlig wurde, die Einsicht in die zentrale Botschaft der EU gegriffen hat: gemeinsam geht es besser als alleine. Doch die Zeiten haben sich geändert: Je größer diese Union geworden ist, desto unterschiedlicher wurden die Interessen. Dabei spötteln einige Kritiker angesichts der Entscheidung in Großbritannien sogar schon, sie wüssten nicht, was schwieriger wird: Wenn die Insulaner gehen oder wenn sie bleiben. In beiden Fällen stünde die EU großen Herausforderungen gegenüber.

Eine Schrumpfung auf 27 Mitglieder würde eine völlig neue Balance innerhalb der Gemeinschaft erfordern und könnte vielleicht sogar einen Dominoeffekt auslösen. Aber auch bei einem Verbleib müsste die Union sich neu erfinden. Denn man hat die Briten umfassende Zusagen gegeben, die vertraglich zu verankern sind.

Besonders weitreichend wäre wohl vor allem diese: Zum ersten Mal bekäme ein Staat zugesichert, dass er sich nicht an der fortschreitenden europäischen Integration beteiligen muss. Doch die Mitgliedstaaten werden sich einmal mehr zusammenraufen und eine Überlebensstrategie entwickeln. Und so ziehen die europäischen Regierungen mit oder ohne Großbritannien weiter. Schon am Dienstag stehen beim EU-Gipfeltreffen in Brüssel Themen wie Flüchtlinge, Außenpolitik und Wachstum sowie die Förderung des gemeinsamen Marktes auf der Tagesordnung. Die mag nicht weit genug gehen, aber Europa wird diesen Donnerstag überleben.

AfD-Anhänger für deutschen EU-Austritt

Zwei von drei Anhängern der AfD würden bei einem Volksentscheid für einen Austritt Deutschlands aus der EU votieren. Dies ergab eine Forsa-Umfrage. Insgesamt gäbe es unter den Wählern hierzulande aber eine überwältigende Mehrheit dagegen: 79 Prozent würden für einen Verbleib in der EU stimmen, 17 Prozent für einen Austritt.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen