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Interview mit Bundesinnenminister : „Es zerreißt mir das Herz“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Interview mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) über den Amoklauf in München und Konsequenzen

von
erstellt am 24.Jul.2016 | 21:00 Uhr

Nach dem Amoklauf des 18-jährigen Deutsch-Iraners steht München unter Schock. Trauer in ganz Deutschland. Andreas Herholz sprach mit Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) über die Geschehnisse.

Sind wir gegen solche unfassbar grausamen Taten einfach machtlos?
De Maizière: Diese Gewalttat ist entsetzlich, es zerreißt mir das Herz, wenn ich sehe, wie viele Menschen, darunter Kinder und Jugendliche, sinnlos ihr Leben lassen mussten. Natürlich frage auch ich mich wie wohl alle in solchen Fällen: Hätte man das nicht irgendwie verhindern können? In einem Rechtsstaat können die Sicherheitsbehörden eben nicht zu jeder Zeit alles über jeden wissen. Aber die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern leisten unter höchstem Einsatz alles, um die Gefahren für die Bevölkerung so klein zu halten wie es geht.

Was wissen die Sicherheitsbehörden über den Täter? Ist zweifelsfrei ausgeschlossen, dass es Verbindungen zum islamistischen Terror und Helfer gab?
Bezüge zum islamistischen Terrorismus sind bislang nicht erkennbar, und es scheint sich nach allem, was wir wissen, um einen Einzeltäter gehandelt zu haben. Über den in München geborenen 18-jährigen Deutsch-Iraner gab es vorher weder polizeiliche noch nachrichtendienstliche Erkenntnisse. Er wird beschrieben als ein „Sonderling“ mit erheblichen psychischen Problemen, der kaum Freunde hatte und von seiner Umgebung gemobbt wurde. Er hat intensiv sogenannte „Egoshooter“-Spiele gespielt und sich offenbar sehr für Amokläufe interessiert, wie wir wegen Büchern wissen, die beim ihm zu Hause gefunden worden sind. Die Ermittlungen sind aber noch nicht abgeschlossen.

Welche Erkenntnisse haben die Ermittler über mögliche Motive des Täters und den Hintergrund der Morde?
Auch bei dieser Frage ist es zum jetzigen Stand der Ermittlungen für eine abschließende Bewertung noch zu früh. Nach den bisherigen Erkenntnissen deutet nichts auf ein politisches Motiv für die schreckliche Tat. Es scheint sich um einen Amoklauf gehandelt zu haben, dessen Gründe jedenfalls in persönlichen Problemen des Täters gelegen zu haben scheinen.
In den sozialen Netzwerken wurden unmittelbar nach der Tat Vorverurteilungen, jede Menge Hass und auch Falschinformationen verbreitet.

Wie kann man dagegen vorgehen?
Ich beobachte in unserer Gesellschaft insgesamt eine Tendenz zur Verrohung. Das fängt mit der Sprache an, vor allem in sozialen Netzwerken und in Foren, wo – häufig unter dem Deckmantel der Anonymität – keine Hemmungen zu bestehen scheinen und häufig ein hasserfüllter Ton an der Tagesordnung ist. Ich habe Sorge, dass sich solche Worte nach und nach auch in Taten niederschlagen. Auch die Tendenz zur Verbreitung von Gerüchten ist keine gute Entwicklung. Der Missbrauch von Notrufen und die Behinderung von Rettungsmaßnahmen sind ja auch strafbar.

Einmal mehr wird der Ruf nach mehr Polizei, Stärkung der Geheimdienste und schärferen Gesetzen laut. Sehen Sie auch Handlungsbedarf?
De Maizière: Auch ich halte starke Sicherheitsbehörden für notwendig, aber nicht erst seit München, sondern schon immer. Deswegen geht die Bundesregierung schon lange den Weg, das Personal der Sicherheitsbehörden zu stärken, mit über 4600 Stellen allein in dieser Legislaturperiode. Ich freue mich, dass inzwischen auch viele Länder nachziehen. Wir haben auch eine ganze Reihe von Gesetzen verschärft beziehungsweise neu geschaffen. Jetzt ist die Zeit dafür, diese neuen Gesetze schnell umzusetzen. Alles Weitere wird man sehen.

Welche Rolle spielt Gewaltverherrlichung im Internet und in Videospielen bei der Radikalisierung von jungen Menschen?
Gewalterfahrungen sind für junge Menschen nicht gut, weder im wirklichen Leben noch im Internet. Ich sage nicht, dass man solche Spiele pauschal verbieten sollte, aber wir brauchen eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit medialer Gewalt aussehen kann. Denn Jugendliche und Kinder sind unsere Zukunft, und mit unserer Zukunft müssen wir verantwortungsvoll umgehen.
 

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