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Klimagipfel in Paris : „Es lebe der Planet!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

195 Staaten beschließen einen Pakt für Mensch und Natur: Ist damit die Erde gerettet?

svz.de von
erstellt am 14.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Hunderte von Männern und Frauen reißen jubelnd die Arme hoch. Menschen verschiedenster Hautfarben fallen einander in die Arme. Einige von ihnen haben feuchte Augen. Vorne auf dem Podium ruft jemand: „Es lebe der Planet!“ Fast könnte man meinen, hier steigt ein Eine-Welt-Festival, bei dem schon sehr viel Gras geraucht wurde.

Doch diejenigen, die hier jubeln, sind stocknüchtern. Es sind Minister und Regierungsbeamte aus 195 Nationen. Sie freuen sich, dass es nach 20 Jahren Verhandlungen gelungen ist, einen Weltklimavertrag zu vereinbaren. Der euphorische Mann mit Brille, der „Vive la planète!“ ruft, ist Frankreichs ansonsten eher glückloser Präsident François Hollande.

US-Präsident Barack Obama erklärt zwar nach Abschluss der Verhandlungen, es sei vor allem „amerikanischer Führung“ zu verdanken, dass der Vertrag zustande gekommen ist, der nahezu alle Staaten der Welt zu Klimaschutz-Maßnahmen verpflichtet. Doch die Kompromissbereitschaft Chinas war genauso wichtig.

Was zuletzt den Ausschlag gab, war auch die Bildung einer „Allianz für ein ehrgeiziges Klimaabkommen“, der sich Industrienationen und Entwicklungsländer angeschlossen haben. Denn dieses Bündnis hat Schluss gemacht mit der Konfrontation zwischen Arm und Reich, an der schon mehrere Klimakonferenzen gescheitert waren.

Läuft alles nach Plan, dann haben die Staaten auf dem Klimagipfel in Paris die Erde vor einer künftigen Klimakatastrophe bewahrt. Zugleich läuteten sie das Ende der fossilen Energien Kohle, Öl und Gas ein. Die Politiker, Industrie und Bürger haben es nun jedoch in der Hand, ob der Beschluss auch umgesetzt wird. Daher hat der Klimavertrag Stärken und Schwächen.

POSITIV


Die Staaten vereinbarten, die Erderwärmung auf klar unter 2 Grad Celsius zu begrenzen, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. Das Zwei-Grad-Ziel soll die schlimmsten Folgen des Klimawandels abwenden. Zudem sollen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden, als sogenannte CO2-Senken, also zum Beispiel das Pflanzen von Wäldern, ausgleichen können. „Das ist ehrgeiziger als das Ziel der G7-Staaten, von Kohle, Öl und Gas wegzukommen, weil es alle Treibhausgase, also auch Methan und Lachgas, umfasst“, sagt Malte Meinshausen von der australischen Universität Melbourne.

NEGATIV

Die vorgelegten nationalen Klimaziele reichen allenfalls, um die Erderwärmung auf rund drei Grad zu begrenzen. Zudem schreibt das Abkommen nicht vor, die Klimaschutzpläne schnell zu verbessern. „Wenn diese aber nicht verschärft werden, ist das 1,5-Grad-Ziel schon begraben“, sagt Jan Kowalzig von Oxfam. Die EU müsse sofort anfangen den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 40 Prozent zu senken. „Denn jetzt wird das Ziel in nationale Gesetze umgesetzt, dann ist es erstmal fest.“ Um das Zwei-Grad-Ziel zu erfüllen, dürften, gerechnet von 2011 an, nur noch etwa 1000 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen. „Wenn man die Selbstverpflichtungen der Staaten zusammenrechnet, werden bis 2030 schon 800 Gigatonnen ausgestoßen“, sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

DAS KANN PASSIEREN

Bereits eine Erderwärmung um zwei Grad hat nach Angaben von Levermann große Folgen: Unter anderem sterbe ein großer Teil der Korallen weltweit. „Das arktische Meereis wird schmelzen und damit das Wetter auch in Deutschland beeinflussen“, erläutert der Klimaforscher. „Eine Stadt wie Hamburg kommt unter massiven Anpassungsdruck.“ Hamburg könnte innerhalb der kommenden 500 Jahre großteils unter dem Meeresspiegel liegen. „Bei einer Erderwärmung von nur 1,5 Grad wird das Risiko für solche Schäden einfach geringer.“

 

DAS IST ZU TUN

„Die Klimaziele müssen jetzt schnell freiwillig erhöht werden, aber sie sind ja ohnehin freiwillig“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Das gelte auch für Deutschland und die EU. „Wenn Ministerin Barbara Hendricks sagt, wir wollen das 1,5-Grad-Ziel unterstützen, dann muss der deutsche Klimaschutzplan nachgebessert werden.“ Der Vertrag habe zwar keinen Sanktionsmechanismus, „aber man hat es sich gegenseitig in die Hand versprochen“, sagte Schellnhuber. „Es wurde Zwang durch Moral ersetzt.“

Nach Anders Levermann muss es einen schnellen Strukturwandel bei der Energieerzeugung geben. Es dürften keine Kohlekraftwerke mehr gebaut werden. „Gleichzeitig muss die Energieeffizienz erhöht werden.“

Johan Rockström, Leiter des Stockholm Resilience Centre, nannte das Abkommen einen Wendepunkt in Richtung 1,5- bis 2-Grad-Ziel, sagte aber zugleich: „Paris ist ein weltweiter Startpunkt.“ Nun müssten Taten folgen.

 

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