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„Erdogans Einfluss ist sehr groß“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, im Interview über die Rolle des türkischen Präsidenten

Etwa 20    000 Menschen versammelten sich gestern in Köln, um für den Türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu demonstrieren. Die Veranstaltung stieß im Vorfeld auf große Kritik. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, erzählte im Gespräch mit Tobias Schmidt, warum es dennoch richtig war, dass die Demo stattfand und welchen Einfluss Erdogan auf die Türken in Deutschland hat.

Hätte die Großdemonstration von Erdogan-Anhängern in Köln verboten werden sollen?
Sofuoglu: Die Debatte darüber hat doch erst dazu geführt, dass sich die Zahl der Teilnehmer von 5000 auf 30  000 erhöht hat. Keine Kundgebung in Deutschland ist so extrem thematisiert worden. Jeder wusste davon. Dass man so einen Wirbel um die Kundgebung macht, ist ein Armutszeugnis.
Finden Sie die Kundgebung nicht problematisch?
Wir haben in Deutschland schon viele problematische Kundgebungen erlebt. Etwa von Pegida und der NPD. Aber Deutschland ist ein Rechtsstaat und hält viele Meinungen aus.
Deutsche Abgeordnete dürfen keine Bundeswehrsoldaten auf dem türkischen Nato-Stützpunkt Incirlik besuchen, aber türkische Regierungsmitglieder treten in Köln auf. Wie passt das zusammen?
Das Besuchsverbot für Bundestagsabgeordnete zeigt, dass der türkische Rechtsstaat geschwächt ist. Das geht einfach nicht. Aber den gleichen Fehler dürfen wir in Deutschland nicht machen.
CDU-Politiker Jens Spahn stellt die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken infrage. Wie nehmen die Türken den Vorschlag auf?
Das ist genau das falsche Signal. Das ist Populismus. Herr Spahn übernimmt AfD-Politik. Die Staatsbürgerschaftsreform ist sehr lange und gründlich diskutiert worden. Die deutsche Politik sollte mehr für die Integration und Partizipation tun, damit sich die Menschen mehr in den deutschen Parteien und Einrichtungen engagieren und nicht so stark nach Ankara blicken.
Wie groß ist Erdogans Einfluss auf die Türken in Deutschland?
Sein Einfluss ist sehr groß. Er hat sehr vielen Türken hier ein Gefühl der Ehre, des Stolzes gegeben. Die Medienpräsenz, die ständige Kommentierung, das macht ihn unter den Türken zum Helden. Und viele lassen ihren Frust über Diskriminierungserfahrungen in Deutschland, bei der Jobsuche oder der Wohnungssuche, jetzt auf Pro-Erdogan-Kundgebungen raus.
Lässt Erdogan in Deutschland Jagd auf seine Gegner machen?
Der Begriff Jagd ist übertrieben. Aber es gibt ein Hassgefühl gegenüber Gülen-Anhängern.
Ist die Gülen-Bewegung in den Putschversuch verstrickt?
Ich vermute sehr stark, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch steckt. Die Vernehmungen fördern immer mehr zutage, was darauf hindeutet. Die Soldaten und Offiziere, die jetzt verhaftet werden, waren größtenteils Gülenisten. Ob sie es alleine waren, ob sie Verbündete hatten, das weiß ich nicht. Aber längst wurde angefangen, viele Menschen festzunehmen, die gar nicht dazugehörten.
Sollte der deutsche Verfassungsschutz die Gülen-Bewegung beobachten?
Ich habe schon vor Jahren gefordert, dass man sich die Finanzierung der Bewegung genauer anschauen sollte. Sie hat für Millionenbeträge Objekte gekauft, und niemand wusste, wo das Geld herkommt. Ich gehe davon aus, dass der deutsche Verfassungsschutz jetzt mit Blick auf den Putschversuch den Indizien nachgeht, die es gibt.
Wie groß sind die Spannungen innerhalb der Türkischen Gemeinde in Deutschland?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen über die Türkei, und über das Leben in Deutschland. Die Krise verschärft den Streit. Es gibt große Probleme innerhalb vieler Familien, innerhalb der Freundeskreise. Freundschaften werden aufgekündigt. Ich hoffe einfach, dass die Spannungen nicht auf die Straße getragen werden, sondern dass wir unsere Probleme friedlich lösen.









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