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Wie im Krimi : Entführung im Berliner Tiergarten

vom
Aus der Onlineredaktion

Der vietnamesische Geheimdienst hat mitten in der Hauptstadt einen Landsmann entführt

svz.de von
erstellt am 02.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Als der vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh am vorletzten Sonntag im Berliner Tiergarten unterwegs ist, in der Nähe des Kanzleramtes, wähnt er sich in Sicherheit. Sein Asylantrag ist noch in Bearbeitung. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Zeugen beobachten, wie mehrere Männer den 51-Jährigen in ein Auto verfrachten.

Eine Woche später wird Thanh in Vietnam verhaftet. Angeblich hat er sich selbst gestellt. In Hanoi wird erzählt, Thanh sei nach der Aktion im Tiergarten mit dem Auto – angeblich sogar mit Diplomatenkennzeichen – über die Grenze nach Frankreich gebracht worden. Von Paris ging es dann vermutlich mit dem Flugzeug nach Vietnam.

In Vietnam war in letzter Zeit sehr viel über Trinh Xuan Thanh zu hören. Er war bis vergangenen Sommer nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Führungskader der Kommunistischen Partei und Abgeordneter im Nationalparlament. Dann aber fiel er wegen Korruption oder warum auch immer in Ungnade.

Ihm wurde zur Last gelegt, als Chef einer Tochterfirma des staatlichen Öl- und Gaskonzerns PetroVietnam für Verluste von etwa 125 Millionen Euro verantwortlich zu sein. Thanh verlor alle Ämter, er wurde entlassen. Den Sitz im Parlament hat man ihm aberkannt, später wurde er auch aus der Partei ausgeschlossen.

Trotzdem gelang es ihm, nach Deutschland zu kommen, wo er Anfang der 1990er-Jahre schon einmal gelebt hatte. In Berlin kaufte er sich, so heißt es in Hanoi, ein schönes Haus. Und er hielt sich auch nicht zurück mit Kritik am Chef der vietnamesischen KP, Nguyen Phu Trong.

Nachdem die dortigen Behörden seinen neuen Aufenthaltsort erfahren hatten, versuchten sie, Thanhs Auslieferung zu erreichen. Zwischen Deutschland und Vietnam gibt es kein Auslieferungsabkommen, aber die Beziehungen zwischen Deutschland und Vietnam sind eigentlich gut. Als einer der Sondergäste war Ministerpräsident Nguyen Xuan Phucim vergangenen Monat sogar beim G20-Gipfel in Hamburg dabei. Seine Delegation hakt in Hamburg nach. Fragt, was denn mit dem Auslieferungsgesuch sei. Die Bundesregierung verweist auf rechtsstaatliche Verfahren. Da beschließt die vietnamesische Führung, die Sache in die eigene Hand zu nehmen.

Als die ersten Hinweise eingehen, ist die Bundesregierung entsetzt. Am Dienstag sind sich die deutschen Behörden schließlich sicher: Die vietnamesische Führung hat den ehemaligen Funktionär entführt. Botschaft und Geheimdienst sollen dabei Hand in Hand gearbeitet haben.

Das Auswärtige Amt bestellt den Botschafter ein. Die Frist zur unverzüglichen Rückkehr Thranhs nach Deutschland verstreicht ohne Antwort.

Kurz darauf tritt der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, vor die Presse und droht mit politischen und wirtschaftspolitschen Konsequenzen. „Die Entführung des vietnamesischen Staatsangehörigen Trinh Xuan Thanh auf deutschem Boden ist ein präzedenzloser und eklatanter Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht.“ Auch Entwicklungsprojekte sollen nun auf den Prüfstand.  

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