500 Jahre Reformation : Ende des Lutherjahrs 2017: Die Ruhe nach dem Sturm

500 Jahre Reformation wurden 2017 gefeiert.
500 Jahre Reformation wurden 2017 gefeiert.

Hoffentlich noch Kampagnenfähig: Das Lutherjahr geht zu Ende – wo steht die Kirche jetzt?

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29. Dezember 2017, 12:00 Uhr

In der Öffentlichkeit sind sie mittlerweile ziemlich beste Freunde. Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der EKD, und Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Natürlich, auch die Kombination aus Wolfgang Huber und Karl Kardinal Lehmann war schon eine Traumbesetzung für die beiden Spitzenpositionen der Evangelischen und der Katholischen Kirche in Deutschland. Aber dass das Reformationsjahr 2017 zu einem Jahr der Ökumene werden sollte, lag am Ende dann doch ganz wesentlich am Kleinklima zwischen den beiden Bischöfen.

Denn die Ökumene wird das Thema sein, an das man sich erinnert, wenn man in zehn Jahren auf das abgelaufene Jahr zurückblickt. Zwar gab es keine Fortschritte bei dem von vielen Christen herbeigesehnten gemeinsamen Abendmahl von Katholiken und Protestanten – und der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert war deswegen auch mit Recht verärgert, als er im September beim „Ökumenischen Fest“ in Bochum, dem letzten großen Ökumene-Event des Reformationsjahres, die Festrede hielt. Doch noch vor einigen Jahren hatten die Katholiken laut überlegt, ob sie überhaupt an den Feierlichkeiten teilnehmen sollten. Und viele Jahre lang wurde dann darüber diskutiert, ob es sich beim Jahr 2017 um eine Feier oder ein Gedenken handele.

Gemessen daran war das abgelaufene Jahr mit seiner ökumenischen Eröffnung Ende Oktober 2016 in Lund und dem Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim ein großer Erfolg. Freilich wird zwei Monate, nachdem am 31. Oktober die Reformationsfeierlichkeiten offiziell beendet wurden, auch anderes deutlich: Finanziell zum Beispiel werden die deutschen Protestanten das Jahr eher in unguter Erinnerung behalten. Bis zu zwölf Millionen Euro, so wurde es auf der EKD-Synode im November in Bonn deutlich, müssen nachgezahlt werden.

Und während die Rede von „Freiheit und Verantwortung“ auch in der EKD gern und intensiv gepflegt wird, scheint es am Jahresende so, als würden die Verantwortlichen für das Finanzdesaster ohne weitere Konsequenzen davonkommen. Denn bei der bisherigen Aufarbeitung des Lutherjahres haben Deutschlands Protestanten eines konsequent vermieden: Die Frage danach, wer welche persönliche Schuld am Debakel trägt, wurde nicht gestellt. Margot Käßmann wurde auf der Synode eine Lutherbibel überreicht, die Geschäftsführer des Trägervereins der Wittenberger Weltausstellung erhielten Applaus. Doch ein erheblicher Teil des Jubiläumsjahres wurde aus Steuergeldern finanziert – aus Kirchensteuermitteln ebenso wie aus staatlichen Zuschüssen, die natürlich ebenfalls aus Steuermitteln stammen. Und es macht die Kirche nicht unbedingt glaubwürdiger, wenn sie in ihren Sonntagspredigten über Verantwortung spricht, gleichzeitig aber darauf verzichtet, in den eigenen Reihen Konsequenzen einzufordern.

Und dann ist da die Frage nach der Zukunft. Seit dem 31. Oktober ist es um die beiden großen Kirchen merkwürdig ruhig geworden. Das ist einerseits verständlich: Irgendwann muss ja auch mal Pause sein. Doch was die EKD eigentlich im kommenden Jahr vorhat, dringt nur schemenhaft an die Öffentlichkeit – die christlichen Feiertage wolle man stärker als bisher betonen, heißt es.

Und auch in aktuellen Auseinandersetzungen hält sich der deutsche Protestantismus gerade merkwürdig zurück. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob es in Deutschland weiterhin ein Werbeverbot für Abtreibungen geben soll.

Theoretisch müsste die EKD an dieser Stelle mit voller Kraft an die Öffentlichkeit gehen. Denn so sehr man als Kirche immer völlig zu Recht betont hat, dass es beim Schwangerschaftsabbruch keine Lösung ohne oder gegen die betroffenen Frauen geben darf, so sehr war man doch immer gegen öffentliche Werbung dafür. Und dass es einen Grund geben soll, sich von dieser sinnvollen und richtigen Position in irgendeiner Weise zu verabschieden, ist eigentlich nicht erkennbar.

Insofern muss man sich durchaus die Frage stellen, warum das sonst so aktive Kirchenamt und der gerade bei bioethischen Debatten sonst um keine Äußerung verlegene Ratsvorsitzende hier nicht in die Offensive gehen. Bleibt da sehr zu hoffen, dass das Schweigen der EKD nur ein Zeichen für gründliche Beratungen ist. Denn schon als der Rat der EKD im Sommer die Einführung der Homo-Ehe öffentlich begrüßte, wurden kurze Zeit später Brüche sichtbar: Im Bundestag etwa stimmte das Ratsmitglied Thomas Rachel gegen das Gesetz, und die Württembergische Landeskirche schaffte es im Herbst nicht einmal, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einzuführen. Und auch insgesamt wäre es wohl sehr fatal, würde das Lutherjahr 2017 nun damit enden, dass der deutsche Protestantismus nur noch eingeschränkt kampagnenfähig ist.

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