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Fragen und Antworten : Einschnitte beim Krankengeld?

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Teilskrankengeld je nach schwere der Arbeitsunfähigkeit - Hintergrund zur Entwicklung der Leistungen bei Berufsunfähigkeit und der Vorschläge für eine Reform

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erstellt am 07.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Kostenfaktor Krankengeld: Seit 2006 hat die staatliche Hilfe bei Arbeitsunfähigkeit stark zugenommen – eine wachsende Belastung für die Kassen. Nun hat der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ im Auftrag der Bundesregierung ein Sondergutachten präsentiert und Empfehlungen für Reformen ausgesprochen. An welchen Stellen soll gespart werden? Hintergründe zum neuen Sondergutachten Krankengeld von Benno Müchler.

Wer erhält Krankengeld?

Wer schwer erkrankt und deshalb vorübergehend nicht mehr arbeiten kann, muss in Deutschland nicht um seine Existenz fürchten. In den ersten sechs Wochen der Arbeitsunfähigkeit zahlt ihm der Arbeitgeber seinen Lohn in vollem Umfang fort. Stellt sich in diesem Zeitraum keine Genesung ein, zahlt danach die Kasse dem Versicherten ein Krankengeld über maximal 70 Prozent seines Bruttoentgelts für bis zu 78 Wochen.

Wie haben sich die Ausgaben entwickelt?

2006 lagen die Ausgaben für Krankengeld bei 5,7 Milliarden Euro. Mit einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 8,1 Prozent stiegen sie in den folgenden Jahren fast um das Doppelte auf 10,6 Milliarden Euro im Jahr 2014 – ein neuer Rekord. Alarmiert von dieser Entwicklung beauftragte die Bundesregierung den Sachverständigenrat. Seine Studie zeigt, dass der starke Zuwachs der Ausgaben jedoch nicht bedeutet, dass immer mehr Deutsche arbeitsunfähig sind. Tatsächlich ist für den Zuwachs zum großen Teil die gute Konjunktur mitverantwortlich. So stieg seit 2006 die Zahl der Beschäftigten und damit der Kreis der potenziellen Anspruchsberechtigten. Parallel zu dieser Entwicklung stiegen die Löhne – wonach sich das Krankengeld bemisst.

Gibt es nicht mehr Arbeitsunfähige?

Die Statistik zeigt einen Anstieg der Krankengeldfälle, der über das Wachstum der Anspruchsberechtigten hinausgeht. Wurden 2006 rund 1,39 Millionen Krankengeldfälle gezählt, so waren es 2014 rund 1,8 Millionen. Der Sachverständigenrat führt den Zuwachs unter anderem darauf zurück, dass mehrere Ältere arbeiten. Die Ausgaben sind in der Gruppe der 60 bis 64-Jährigen am höchsten.

Was sind die Hauptgründe für Arbeitsunfähigkeit?

Nach Daten der Barmer GEK waren 29 Prozent der Krankengeldfälle im Jahr 2014 auf Krankheiten des Muskelskelettsystems und Bindegewebes zurückzuführen. An zweiter Stelle lagen psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen mit 23,1 Prozent.

Wie stark werden die Kassen belastet?

Mit 10,6 Milliarden Euro oder 5,5 Prozent, ist der Anteil des Krankengelds an den gesamten Leistungsausgaben der Kassen eher niedrig. Allerdings sind die Ausgaben für Krankengeld seit 2006 um jährlich 8,1 Prozent gestiegen.

Welche Empfehlungen gibt der Sachverständigenrat?

Um die Ausgaben für Krankengeld im Rahmen zu halten, hat der Sachverständigenrat auf Grundlage seiner Studie 13 Empfehlungen formuliert. Die wichtigste ist die Einführung einer Teilarbeitsunfähigkeit und eines Teilkrankengelds. Nicht jeder Arbeitsunfähige ist zu hundert Prozent arbeitsunfähig, wird in Deutschland bisher jedoch so behandelt. Die Experten schlagen daher ein Stufensystem nach skandinavischem Vorbild vor, das die Arbeitsunfähigkeit von 100 bis 25 Prozent bewerten würde. Wer teilweise noch arbeiten kann, würde weniger Krankengeld erhalten. Die Abstufung soll auch schon bei der Entgeltzahlung durch den Arbeitgeber möglich sein.

Was sagen die Arbeitgeber?

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände begrüßte die Vorschläge. „Der Gesetzgeber sollte die vom Sachverständigenrat kritisierten Fehlanreize zur vollen Ausschöpfung des Krankengeldanspruchs beseitigen“, sagte ein Sprecher unserer Berliner Redaktion. Die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink warnte, die Vorschläge dürften nicht dazu führen, „dass auf die Patienten im Krankengeldbezug noch mehr Druck ausgeübt wird als bisher schon oder sie in ihren Rechten eingeschränkt werden.“

 
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