Offener Brief an Jens Spahn zum Gesundheitssystem : Einer Krankenschwester platzt der Kragen

„Bevor mir der Kragen platzt, bekommt erstmal Hr. Spahn einen Brief.“ Eine Krankenschwester macht ihrem Ärger über den neuen Gesundheitsminister Luft. /Symbolbild

„Bevor mir der Kragen platzt, bekommt erstmal Hr. Spahn einen Brief.“ Eine Krankenschwester macht ihrem Ärger über den neuen Gesundheitsminister Luft. /Symbolbild

Der emotionale Brief einer Krankenschwester an den neuen Gesundheitsministers verbreitet sich auf Facebook.

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27. März 2018, 12:51 Uhr

Kaum ist Jens Spahn (CDU) als neuer Gesundheitsminister im Amt, verdirbt er es sich mit dem Krankenhaus- und Pflegepersonal. Darauf zumindest lässt ein Brief schließen, den eine wütende Krankenschwester an den Minister schrieb, nachdem dieser sich in ihren Augen herablassend über die Situation im deutschen Gesundheitssystem geäußert hatte.

Der Brief, den sie auch auf Facebook veröffentlichte, wurde dort mittlerweile über 27.000 Mal geteilt. Jana Langer, so der Name der Krankenschwester, wirft Jens Spahn vor, „ohne irgendeine Qualifikation und Ahnung“ ignorant und diffamierend über Patienten zu sprechen. Spahn hatte in der „Bild am Sonntag“ und in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ bestritten, dass es eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland gibt, und Patienten dazu geraten, sich öfter zu fragen, ob ein Arztbesuch wirklich nötig sei.

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Jana Langer wirft der Politik eine zunehmende Privatisierung des bereits jetzt „menschenunwürdigen“ Gesundheitssystems vor. Dabei sei es „unethisch und verwerflich, Leistungen zu verkaufen, die dem Patienten nicht dienen“. Pflegekräfte seien unterbezahlt, überlastet und hätten nicht die Zeit, die sie für die Patienten benötigten. „Nutznießer in diesem System sind Aktionäre und Einrichtungsleiter, weder Patienten noch Heimbewohner profitieren von dieser Politik“, so Langer.

In der Versorgung von Kranken und alten Menschen sei Deutschland „weit abgehängt von den restlichen Staaten um ums herum. (…) Mensch ist die Ware und wird auch als solche behandelt. (…) Unsere Arbeit hingegen verkommt zu einer nutzlosen Hetzerei.“

Wie der „Spiegel“ schreibt, hatte sich die Krankenschwester bereits im vergangenen Jahr mit einem ähnlichen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt.

Jens Spahn hatte bereits Mitte März durch Äußerungen über Hartz IV und deren Empfänger reichlich Kritik kassiert.

Pflegeheime im Norden mit teils erheblichen Mängeln

Eine Untersuchung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Nord (MDK) von rund 800 Pflegeheimen bestätigt die Worte der Krankenschwester insoweit, dass sie teils große Qualitätsprobleme in den Einrichtungen feststellt. Kritisch sehe es etwa bei der Vorbeugung von Druck-Geschwüren aus: Nur in gut 60 Prozent der untersuchten Fälle war die Vorsorge laut MDK Nord gut, berichteten NDR 90,3 und das „Hamburg Journal“. Auch sei nur jede zweite, von den Prüfern begutachtete chronische Wunde im Heim wirklich fachgerecht versorgt worden. Damit schnitten beide Länder schlechter ab als im bundesweiten Durchschnitt aus dem Jahr 2016. Zudem habe sich die Lage in Norddeutschland im Vergleich der Jahre 2016 mit 2017 nicht verbessert.

Nutzlose Zertifikate

Jana Langer spricht in ihrem Brief auch Zertifikate an, „die nicht mal das Papier wert sind, auf dem sie stehen“. Auch hier gibt ihr eine Untersuchung Recht. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) rät dazu, sich nicht auf Siegel oder Zertifikate verlassen, wenn man eine Pflefeeinrichtung sucht. Der Markt für solche Siegel sei nur schwer zu durchschauen.

Für die Auszeichnungen werden zwar Bereiche wie Hygienestandards oder Medikamentenmanagement von externen Stellen überprüft. Die Kriterien und Prüfverfahren seien aber von Siegel zu Siegel unterschiedlich. Insofern sage ein Zertifikat kaum etwas über die tatsächliche Pflegequalität aus. Es könne lediglich Hinweise auf bestimmte Strukturen oder Schwerpunkte eines Angebots geben. Eine aktuelle Übersicht über die Siegel finden Interessierte auf der Webseite www.zqp.de.

Wer ein Pflegeheim sucht, sollte sich vor Ort selbst ein Bild machen, erläutert Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. Auf Folgendes können Interessierte achten:

  • Wie viele Pflegekräfte sind im Dienst?
  • Wie freundlich begegnen sie den Bewohnern?
  • Und passt das Angebot zu den Bedürfnissen des künftigen Bewohners?
  • Ein Gespräch mit der Heimleitung kann zusätzlich für Klarheit sorgen.

mit dpa

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