Köthen : Eine Stadt im Ausnahmezustand

Trauermarsch gestern in Köthen
Trauermarsch gestern in Köthen

Nach dem Tod eines jungen Mannes ruft die AfD zur Demonstration auf

svz.de von
11. September 2018, 06:50 Uhr

Viele kennen die Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt als Zugstopp, fahren meistens nur an der Bachstadt vorbei. Seit dem Wochenende ist Köthen plötzlich bundesweit in den Schlagzeilen. Der Tod eines 22-Jährigen am Wochenende erinnert an die Vorfälle in Chemnitz, auch die Versuche, den Fall zu instrumentalisieren. Zahlreiche Medienvertreter sind gestern angereist, es sind weitere Demonstrationen angekündigt. Die Stadt ist aufgeregt, im Ausnahmezustand. Es gibt an diesem Tag nur ein Gesprächsthema.

Der junge Mann starb nach einem Streit mit zwei Afghanen, laut Obduktion an akutem Herzversagen. Er litt an einer schweren Herzerkrankung. Die 18 und 22 Jahre alten Afghanen befinden sich in Untersuchungshaft. Gegen sie wird wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

Die Situation in Köthen ist gestern noch immer angespannt, viele Köthener sind an diesem Abend unterwegs in der Innenstadt, die Polizei ist mit hunderten Einsatzkräften vor Ort, zeigt massiv Präsenz. Vor der Jakobskirche patrouilliert eine Reiterstaffel, vor den längst geschlossenen Geschäften stehen die Einsatzkräfte bereit.
Die Kirche hat zu einem Friedensgebet in die Jakobskirche geladen. Viele Menschen sind gekommen, sitzen still in den Bänken und gedenken. Pfarrer Martin Olejnicki sagt zu Beginn, noch immer seien die Gefühle stark und man spüre dies, wenn man durch die Stadt gehe: Trauer um den 22-Jährigen, Entsetzen über die Gewalt und auch die Sorge, was in den nächsten Tagen passieren werde.

Zeitgleich versammeln sich die ersten Demonstranten. Bevor die vom AfD-Abgeordneten Hannes Loth angemeldete Demonstration beginnt, sind schon knapp 300 Menschen bei einer Kundgebung der rechtsextremen Thügida. Die Veranstaltung beginnt mit dem Abspielen aller drei Strophen des Deutschlandliedes. Ansonsten herrscht eine bizarre Stille.

Meist bleibt es ruhig, nur zwischenzeitlich wird es hektisch. Einzelne Teilnehmer der Kundgebung attackieren eine Fotografin, die Polizei schreitet ein. Anschließend gehen die Besucher der Thügida-Kundgebung ein paar Meter rüber zur AfD.

Für eine Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz vor der Kirche hat die AfD mobilisiert. Dorthin sind etwa 500 Menschen dem Aufruf gefolgt. Sie begeben sie sich zum Tatort, wo führende AfD-Politiker aus Sachsen-Anhalt einen Kranz niederlegen. Auf Spruchbändern ist etwa zu lesen: „Wir trauern um einen Menschen!“Organisator und AfD-Politiker Loth betont, man wolle gemeinsam trauern, und sricht sich gegen Gewalt aus. Zu den Demo-Teilnehmern gehören AfD-Landtagsfraktionschef Oliver Kirchner und Ex-Landeschef André Poggenburg. Nach knapp einer Stunde erklärt Loth die Veranstaltung für beendet und die Menschen verlassen den Versammlungsort.

Über der Stadt mit gut 26 000 Einwohnern kreist ein Hubschrauber. Eine Reiterstaffel der Polizei reitet durch die Innenstadt. Auch ein Wasserwerfer ist vor Ort. Nach Angaben von Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) sollten mehrere Hundert Beamte in der Stadt sein.

Die Polizei spricht nach ersten Erkenntnissen von einem eher friedlichem Verlauf.

Eine Demonstration am Sonntagabend, zu der die rechtsextreme Szene mobilisiert hatte, wird indes vom Staatsschutz ausgewertet. Die Bundesregierung verurteilte die Reaktionen der Rechtsextremisten und zeigte sich betroffen.

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