Nach den Terror-Anschlägen in Paris : Eine Nation auf der Suche nach sich selbst

Trauernde Menschen stehen am 16. November vor dem Bataclan Theater in Paris vor den Kerzen und Blumen.

Trauernde Menschen stehen am 16. November vor dem Bataclan Theater in Paris vor den Kerzen und Blumen.

Paris schwankt im Zeichen des Terrors. Die Solidarität nach „Charlie Hebdo“ weicht der Desillusionierung angesichts neuer unfassbarer Gewalt. Die Debatte wird schärfer, die Regierung zieht in den Kampf.

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16. November 2015, 19:00 Uhr

Irgendjemand hat aus Kerzen ein großes Friedenszeichen gebaut, dessen Licht in die Nacht strahlt. Drumherum drängen sich Menschen und diskutieren. Es zieht sie hierher, an diesen Platz der Republik im Herzen von Paris, der wie kaum ein anderer für das Selbstverständnis Frankreichs steht. Jeden Tag, selbst spät in der Nacht, kommen Unbekannte zusammen, trauern gemeinsam um die Terroropfer, umarmen Fremde, suchen Gesellschaft - doch vor allem ringen sie um Antworten.

„Das ist für mich nicht der Islam“, sagt eine junge Frau, die im Schneidersitz auf dem Boden hockt. „Man hat das Recht zu sagen, dass Religion scheiße ist. Alle Religionen“, meint ein Anderer. Es gibt keine Tabuthemen: Die Menschen reden offen, es wird immer wieder laut - vor allem, wenn es um Israel geht. Rassisten zanken mit dunkelhäutigen Franzosen. Die Worte sind hart, und doch lassen die Menschen sich ausreden. Es sind Szenen von eindrucksvoller Humanität.

Eine geschundene Nation ist auf der Suche nach sich selbst. „Sie schwankt, geht aber nicht unter“, der lateinische Mottospruch „Fluctuat nec mergitur“ im Pariser Wappen wird jetzt viel zitiert in der heimgesuchten Hauptstadt. Schon während der Terrorserie gegen „Charlie Hebdo“ und den koscheren Supermarkt im Januar wankte Paris heftig. Die für einige Zeit deutlich spürbare Solidarität der Menschen, die internationale Unterstützung bis hin zum Pariser Trauermarsch von fast vier Millionen gegen den Terrorismus gaben Halt. Regierungschef Manuel Valls spricht im Rückblick von einer „heiligen Einheit“.

Warum schon wieder Frankreich? Das Land erfüllt viele Kriterien als Hassobjekt fanatisierter Islamisten. Die frühere Kolonialmacht mit über weite Strecken martialischer Geschichte in den unterdrückten Ländern ist noch immer in vielen Regionen fest verankert. Die gefeierte französische Lebensart kann problemlos als Sinnbild des „dekadenten Westen“ herhalten.

Und Frankreich führt offen Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Paris schickte Anfang 2013 umgehend Truppen nach Mali, als islamistische Terroreinheiten den Norden des westafrikanischen Landes zu ihrer Operationsbasis machen wollten. Im Irak und in Syrien fliegen die Luftstreitkräfte Angriffe gegen den Islamischen Staat (IS). Nach zwei Jahren Mali, einem Jahr Irak, zwei Monaten Syrien stellt sich manchen in Frankreich die Frage: „Wofür?“.

Zweifel, die nach Ansicht des Philosophen Abdennour Bidar wohl von den Terroristen gewollt sind. Die Anschläge richteten sich gegen den solidarischen Geist der Zeit nach „Charlie Hebdo“: „Wir haben an diesem Tag eine Einheit, eine Brüderlichkeit demonstriert, die Frankreichs Macht als Symbol universeller Werte wieder hergestellt hat“, sagt er der Zeitung „Libération“.

Doch der Terror lässt sich längst nicht mehr als rein äußere Bedrohung definieren. In den Banlieues (Vororten) nicht nur von Paris wachsen seit Jahrzehnten Generationen mit hohem Frustpotenzial heran: Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, kaum Perspektiven.

Viele der Terroristen, die das Land dieses Jahr von „Charlie Hebdo“ bis „Bataclan“ attackiert haben, stammten aus Frankreich, waren dort verwurzelt. Der Pariser Professor für zeitgenössische Geschichte, Pierre Vermeren, analysiert in der Zeitung „Le Figaro“: „Frankreich ist im Krieg gegen einen Teil seiner selbst, gefangen in der Falle seiner Geschichte als führende Macht im Mittelmeerraum.“ Die Rhetorik der Regierung ist deutlich härter geworden. Wo nach „Charlie Hebdo“ noch das Werben um gegenseitiges Verständnis und Warnung vor Ausgrenzungen von Menschen oder Religionen stand, setzen Präsident François Hollande, Regierungschef Manuel Valls und Innenminister Bernard Cazeneuve nun auf Kampfparolen: „Wir sind im Krieg.“ Entsprechend martialisch tritt Hollande am Montag vor beide Parlamentskammern. „Unsere Demokratie hat sehr viel schlimmere Feinde überstanden als diese feigen Mörder“, sagt er. „Der Terrorismus wird die Republik nicht zerstören, denn die Republik wird den Terrorismus zerstören.“ Die Staatsspitze hat erst gar keine Zweifel aufkommen lassen, dass den Worten Taten folgen sollen. Noch am Wochenende des Anschlags schickt Hollande als oberster Kriegsherr Kampfflugzeuge nach Syrien und lässt die Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Al-Rakka, bombardieren.

In vielen Städten des Landes gehen Polizei und Spezialkräfte gegen Verdächtige vor, die auf einschlägigen Listen des Staatsschutzes geführt werden. Als Basis für Durchsuchungen und Festnahmen dient bereits der von Hollande verhängte Ausnahmezustand - Hausarreste auf Ministeranordnung.

Diese harte Linie will Hollande fortführen: Seine Rede im prunkvollen Schloss von Versailles ist eine demonstrative Kampfansage. Härtere Strafen, schnellere Abschiebung von Extremisten, mehr Sicherheitskräfte. Damit will der Sozialist wohl auch der Kritik der Opposition entgegentreten.

Die hatte keine 48 Stunden nach den Bomben nämlich schon deutlich gemacht, dass sie diesmal nicht einfach so die Reihen schließen will: „November kann nicht die Wiederholung von Januar sein“, so Senatspräsident Gérard Larcher. Der konservative Parteichef, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, warnte: „Die Franzosen fühlen sich heute nicht sicher.“

Der Abgeordnete Bruno Le Maire bekräftige seine Forderung nach einem Einsatz von Bodentruppen in Syrien. Und Marine Le Pen, Chefin der rechtsextremen Front National, will nicht nur ihre alte Forderung nach Schließung der Grenzen umgesetzt sehen, sondern gleich auch noch alle Migranten hinauswerfen.

Interessanterweise sind es nun die wichtigsten Verbündeten Frankreichs im Kampf gegen den IS, die USA, die zurückhaltendere Töne anschlagen - US-Präsident Barack Obama will die Ruhe bewahren. „Das wäre ein Fehler“, sagte er zu Forderungen, nun in Syrien und dem Irak US-Bodentruppen gegen die IS-Kämpfer einzusetzen. Wichtiger als Schlagzeilen zu produzieren, sei es, eine nachhaltige Strategie zu verfolgen, die auch dann wirkt, wenn der Krieg aus ist. Ansonsten bestehe ständig Rückfallgefahr.

Am Ende der symbolschweren Hollande-Rede singen Minister, Abgeordnete und Senatoren die Marseillaise, das Kampflied der Republik. Doch manche fragen sich, ob Frankreich nicht bereits auf dem Wege ist, im Krieg gegen den Terror demokratische Rechte zu opfern.

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