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Bilanz der Amtszeit Gauck : Ein wortmächtiger und mutiger Bundespräsident

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Interview mit Professor Jürgen W. Falter, Parteienforscher an der Universität Mainz

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Über die Abschiedsrede von Joachim Gauck sprach Andreas Herholz mit Professor Jürgen W. Falter, Parteienforscher an der Universität Mainz.

Wie fällt die Bilanz der Präsidentschaft von Joachim Gauck aus?
Falter: Joachim Gauck kann auf eine positive Bilanz zurückblicken. Er hat die Erwartungen nicht enttäuscht und wird als einer der guten Bundespräsidenten in die Geschichtsbücher eingehen. Er hat sich als ein wortmächtiger und mutiger Bundespräsident erwiesen, der sich auch immer wieder in die Tagespolitik eingemischt hat. Dabei hat er auch abweichende Meinungen zur Kanzlerin und ihrer Politik vertreten. Denken wir nur an seine Mahnung in der Flüchtlingskrise und seinen Satz „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Hat er sich in seiner Amtszeit verändert oder ist er sich treu geblieben?
Gauck ist nach einem etwas holprigen Start selbstsicherer geworden. Seinem leicht pastoralen Stil ist er treu geblieben. Er war immer verbindlich. Er hat ein wenig an den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau erinnert.

Der Präsident der Freiheit fordert die Bürger auf, die Demokratie wehrhaft und entschlossen zu verteidigen. Sind das die großen Themen seiner Präsidentschaft?
Sein großes Thema war die Freiheit. In seiner Abschiedsrede erinnert er jetzt noch einmal daran, dass man Freiheit nicht geschenkt bekommt, dass man etwas dafür tun und sie verteidigen muss. Jeder Einzelne ist hier gefordert, sich zu engagieren.

Zu Beginn seiner Präsidentschaft war er noch optimistischer. Jetzt weist er auch stärker auf die Gefahren für die Demokratie und den Rechtsstaat hin, wenn sie nicht wehrhaft sind.

Doch er macht auch Mut, dass wir das erhalten können, wenn wir wollen.

Der Bundespräsident hat wie schon zu Beginn seiner Amtszeit mehr Verantwortung von Deutschland in der Außen- und Sicherheitspolitik, bei der Krisenbewältigung und der Entwicklungszusammenarbeit gefordert.
Deutschland ist immer mehr in diese neue Rolle hineingewachsen. Wir müssen international mehr Verantwortung übernehmen. Der Bundespräsident hat dies von Anfang an angemahnt. Die Bundesregierung muss hier deutlich mehr tun.

In Heidenau und Dresden, aber auch in den sozialen Netzwerken ist auch der Bundespräsident angegriffen und das Amt verunglimpft worden.
Die Verrohung der politischen Sitten ist während der Präsidentschaft Gaucks weiter fortgeschritten. Dazu gehört auch die Art, wie dem Bundespräsidenten inzwischen begegnet wird. Unter den Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff war der Respekt vor dem Staatsoberhaupt bereits stark erodiert. Heute wird der Bundespräsident von einigen so behandelt, als wäre er ein x-beliebiger Parteipolitiker. Gauck hat das mit Würde ertragen. Das ist bemerkenswert.

Hat Gauck es nach den überraschenden Rücktritten seiner Vorgänger geschafft, denpolitischen Schaden zu reparieren und dem Amt wieder die Würde zurückzugeben?
Er hat Statur bewiesen und das Amt mit Würde geführt. Nach der Unruhe der Vergangenheit in der Zeit seiner Vorgänger war das sehr wichtig. Die Art seiner Amtsführung verdient hohen Respekt. Damit hat er an Vorgänger wie Roman Herzog und Richard von Weizsäcker angeknüpft.

Wie groß sind die Fußstapfen, die er für seinen Nachfolger hinterlässt?
Das sind schon große Fußstapfen, die er hinterlässt. Der wahrscheinliche Nachfolger Frank-Walter Steinmeier wird es gar nicht so einfach haben, da reinzuwachsen. Er wirkt nicht, als könne er mitreißende Reden halten.


 

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