Streit Nach Tod von Helmut Kohl : Ein öffentliches Trauerspiel

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Kohl-Witwe wollte Kanzlerinnen-Rede bei Trauerakt verhindern. Streit über Totengedenken eskaliert

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22. Juni 2017, 05:00 Uhr

Die Auseinandersetzung über das offizielle Trauerzeremoniell für den verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Kohl drohte offenbar zu eskalieren. Und auch der Familienstreit zwischen Kohls Sohn Walter und der Witwe Maike Kohl-Richter verschärft sich weiter. Das Totengedenken wird von heftigen Querelen über den protokollarischen Ablauf, Redner und Teilnehmer überschattet. Und Bilder vom Sohn des Altkanzlers mit den Enkeln, die sich vor dem Privathaus in Oggersheim gestern vergeblich um Einlass bemühen, um Abschied vom dort aufgebahrten Verstorbenen zu nehmen, zeigen wie tief die Abgründe in der seit Jahren tobenden Familienfehde im Haus Kohl auch über den Tod hinaus sein müssen. Dem Sohn und den Enkeln wird nicht geöffnet, ein Polizist fordert sie auf zu gehen – Helmut Kohl hatte den Kontakt zu seinen Kindern abgebrochen. Sohn Walter macht die Witwe seines Vaters für das Drama verantwortlich. Deren Anwalt und Kohl-Vertrauter Stephan Holthoff-Pörtner wirft dagegen dem Sohn eine öffentliche Inszenierung bis hin zum Eklat vor.

Streit in der Familie, Streit auch auf politischer und protokollarischer Ebene: Nach den Vorstellungen der Witwe des Altkanzlers habe Kanzlerin Merkel nicht beim Staatsakt in Straßburg reden sollen, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Maike Kohl-Richter habe den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als Redner vorgeschlagen. Ihre Vorstellungen von Ablauf und Teilnehmerliste der Gedenkveranstaltung hätten einen offiziellen Staatsakt in Deutschland unmöglich gemacht, hieß es. Kohl-Richter habe ausschließlich Politiker aus dem Ausland als Redner gewünscht.

Erst nachdem Vertraute des Altkanzlers eindringlich vor einem Eklat gewarnt hätten, sei die Witwe davon abgerückt, auf Orban statt Merkel als Redner zu bestehen. Kohl hatte Orban zuletzt noch in seinem Privathaus empfangen, ihn gegen Kritik in Schutz genommen. Der ungarische Regierungschef gilt als einer der schärfsten Kritiker von Merkels Flüchtlingspolitik. Wäre es nach dem Willen der Witwe des Altkanzlers gegangen, hätte Ungarns umstrittener Regierungschefs und nicht die Bundeskanzlerin beim europäischen Trauerakt in Straßburg am 1. Juli geredet. Regierungssprecher Seibert wollte sich gestern nicht zu den Berichten äußern. Kohls Anwalt dementierte die Darstellung, nach der Kohl-Richter Merkel als Trauerrednerin abgelehnt habe. „Es gab zu keinem Zeitpunkt in der Familie Helmut Kohls Bedenken gegen eine Rede der Bundeskanzlerin beim Trauerakt in Straßburg“, sagte er.

Ungewöhnlich auch, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nicht bei dem Trauerakt für Kohl redet. Steinmeier hatte 1998 im Zuge des Regierungswechsels als Kanzleramtschef Kohl und der Vorgängerregierung vorgeworfen, in großem Stil Akten gelöscht zu haben. Ein Sonderermittler konnte dies jedoch später nicht bestätigen. Kohl-Richter weigere sich daher, mit Steinmeier zu sprechen, lehne ihn als Redner ab, heißt es aus der Unionsfraktion. „Allen Beteiligten ist vollkommen klar, welch singulär große Rolle Helmut Kohl bei zwei entscheidenden politischen Aufgaben der vergangenen Jahrzehnte gespielt hat – der europäischen Einigung und der deutschen Einheit“, erklärte Regierungssprecher Seibert gestern und versuchte, die Wogen zu glätten.

Der Trauerakt im Europäischen Parlament in Straßburg soll am 1. Juli stattfinden. Der Sarg des Altkanzlers soll während der zweistündigen Zeremonie mit einer Europafahne bedeckt werden und schließlich per Hubschrauber zurück nach Ludwigshafen und von dort nach Speyer überführt werden. Dort soll im Dom das Requiem stattfinden.

Kommentar "Bilder, die  befremden" von Andreas Herholz

 Welch ein Drama! Bilder, die  befremden und tief traurig machen. Sohn und Enkelkinder von Helmut Kohl werden nicht vorgelassen, sondern von der Polizei abgewiesen, dürfen das Heim des verstorbenen Altkanzlers, in dem er aufgebahrt ist, nicht betreten, um sich noch einmal zu verabschieden. Maike Kohl-Richter, die Witwe des großen CDU-Mannes, sorgt einmal mehr für Wirbel und Empörung. Mit aller Macht will sie das Protokoll und Drehbuch für die offizielle Trauerzeremonie offenbar diktieren, die Kanzlerin nicht zu Wort kommen lassen. Zudem scheint sie in der Stunde der Trauer, des Mitgefühls, wenig Interesse daran zu haben, den Familienstreit zumindest nicht weiter zuzuspitzen. Und der Streit um den historischen Nachlass, um das wertvolle geistige Erbe Helmut Kohls, das die Witwe für sich beansprucht, hat womöglich noch gar nicht richtig begonnen. Dem Altkanzler mit seinen großen historischen Verdiensten  kann man nur wünschen, dass alle Beteiligten möglichst schnell wieder zur Vernunft kommen und nicht immer neue Kapitel in diesem öffentlichen Trauerspiel aufgeschlagen werden.
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