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Flüchtlinge : Ein Lächeln für den Haarschnitt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tausende spenden eifrig für Flüchtlinge, doch noch mehr benötigen die Entwurzelten Zeit und Zuwendung.

svz.de von
erstellt am 05.Okt.2015 | 08:00 Uhr

David sitzt fast bewegungslos auf seinem Stuhl, der Junge schaut konzentriert nach vorne, hin und wieder lächelt er. Pechschwarze Haare rieseln auf seine Schultern. Es ist der erste Haarschnitt für David in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft, seit er aus Mazedonien nach Deutschland gekommen ist: mit seiner Familie, mit dem Zug, mit der Hoffnung auf eine bessere Zeit.

„David hat mir genau gesagt, wie er die Haare geschnitten haben will“, sagt Aynur Özen, während sie nach einem neuen Büschel Haaren greift. „Hinten kurz, an den Seiten auch, vorne nicht so.“ Özen gehört zu den rund 20 Friseuren, die gestern in einem von vier Großzelten am Düsseldorfer Stadtrand ehrenamtlich zu den Scheren gegriffen haben.

Sie könne nachempfinden, wie sich David fühle, sagt sie: „Ich bin selbst vor 45 Jahren als Kind von Gastarbeitern aus der Türkei nach Deutschland gekommen.“ Ihre Familie sei anfangs in einem Hotel untergebracht worden. „Für mich sind diese Zelte hier ein Trauma.“

Özen und ihre Kollegen aus dem Düsseldorfer Raum haben sich für die Aktion vor allem über Facebook zusammengetrommelt, danach hat das Rote Kreuz den Termin in dem Zelt organisiert. In drei Reihen sitzen die Männer, Frauen und Kinder an den Tischen, um sie herum haben sich Neugierige versammelt, der eine hat bereits kurz geschnittene Haare, der andere kommt noch an die Reihe.

„Viele können kein Englisch, wir verständigen uns dann mit Händen und Füßen, das funktioniert auch“, sagte die Friseurin Nancy. Die 35-Jährige steht seit dem Vormittag in dem Zelt, Schere und Kamm in der Hand.

„Wenn man in den Spiegel schaut und sich gut leiden kann, dann ist man selbstbewusster und glücklich“, erklärt sie, während sie Mimosa Golemi aus Albanien eine neue Frisur schenkt. Es sei das erste Mal seit drei Monaten, dass sie sich die Haare schneiden lässt, sagt die Frau vom Balkan. Warum sie nach Deutschland gekommen sei? „Wir wollen hier etwas aufbauen“, übersetzt ihr Dolmetscher. „Wir wollen unseren Kindern eine bessere Zukunft schenken.“ In der Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Eller sind derzeit nach Angaben des Roten Kreuzes 335 Menschen in Zelten des Landes und der Stadt untergebracht. Derzeit leben fast 6000 Flüchtlinge in Düsseldorf, die Stadt rechnet damit, dass ihre Zahl bis Ende 2015 auf bis zu 7000 steigen wird.

Einer von ihnen ist Mohammad Tamina. Der Syrer hat bei der Aktion im Zelt kurzerhand die Seiten gewechselt und selbst zur Schere gegriffen. „Ich hatte in Damaskus einen Friseurladen“, sagt er. Nun schneidet der Flüchtling seinen Landsleuten im Zelt in Düsseldorf die Haare.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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