Merkel und Schulz im Schlagabtausch : Duett statt Duell

Sollte Höhepunkt des Wahlkampfes sein: das einzige TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz
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Sollte Höhepunkt des Wahlkampfes sein: das einzige TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz

Drei Wochen vor der Wahl: Umfragen sehen Merkel im Duell vor Schulz. Was meinen Sie?

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03. September 2017, 22:20 Uhr

Es sollte der Höhepunkt des bislang eher schlappen Bundestagswahlkampfes sein, war aber doch eher ein müder Schlagabtausch: Drei Wochen vor der Bundestagswahl am 24. September lieferten sich am Sonntagabend Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz im Fernsehen zur besten Sendezeit ihren ersten und einzigen direkten Schlagabtausch, der allerdings erst am Ende das TV-Duells an Fahrt gewann. Bei dem Duell tauschten Merkel und Schulz 90 Minuten lang ihre Positionen zu den Themen Migration, Außenpolitik, soziale Gerechtigkeit und Innere Sicherheit aus.

Zu Beginn des TV-Duells lieferten sich Schulz und Merkel eine weitgehend sachliche Auseinandersetzung über die Migrations- und Flüchtlingspolitik. Merkel verteidigte ihre Entscheidung von vor zwei Jahren, in Ungarn festsitzende Migranten und Flüchtlinge den Weg nach Deutschland zu ebnen. „Ich halte es nach wie vor für absolut richtig“, sagte sie zum EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen.  Schulz hielt Merkel vor, vor der entscheidenden Nacht die europäischen Partner nicht hinreichend einbezogen  zu haben. Merkel warf der Autobranche in Zusammenhang mit zu hohen Abgaswerten „Vertrauensbruch“ vor. „Ich bin stocksauer.“ Die Industrie müsse den Schaden wieder gut machen. Die 800 000 Arbeitsplätze müssten aber sicher bleiben. Der Diesel werde weiter gebraucht, um die Klimaziele zu erfüllen, sagte die Kanzlerin. Schulz erklärte, Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge müssten vermieden werden, von denen unter anderem Handwerker getroffen würden.

Infografik: Merkel entscheidet TV-Duell für sich | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Das Duell wurde von den vier Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 veranstaltet und live übertragen. Am Ende sahen Umfragen die Amtsinhaberin in der Wählergunst vorn: Nach einer ersten ARD-Umfrage lag Bundeskanzlerin Merkel zur Halbzeit des Duells vor ihrem Herausforderer Schulz. 44 Prozent sagten, die CDU-Chefin sei überzeugender gewesen, nur 32 Prozent sagten dies über den SPD-Chef. Eine große Mehrheit hielt Schulz aber für angriffslustiger: 78 zu 6 Prozent. Bei den Fragen nach Argumentation (44 zu 36), Kompetenz (59 zu 18), Glaubwürdigkeit (47 zu 26) und Sympathie (46 zu 26) lag dagegen Merkel teils vor Schulz.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Pragmatisch und wenig überraschend

Das Ende hat Angela Merkel für sich. Dazwischen liegen 90 Minuten. 90 Minuten „Maß und Mitte“. Angela Merkel setzt gleich zu Beginn auf Kontinuität, Verlässlichkeit, lässt sich aber nicht von Maybrit Illner als All-inclusiv-Kanzlerin – Jedem, was er hören will – abstempeln.

Zur  Flüchtlingsfrage: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen“, sagt Merkel. Die Bundesregierung habe gelernt. Aber am entscheidenden Punkt, als Schulz angreift und ihr wie oft mangelnde Abstimmung mit den europäischen Partnern im September 2015  vorwirft, sagt sie ganz klar: „Es gibt im Leben einer Bundeskanzlerin Momente, da müssen sie entscheiden.“ Man habe sich aber zu wenig um die Lager im Libanon, in Syrien und die Millionen Flüchtlinge in der Türkei gekümmert, gesteht sie Fehler ein. Schulz verliert.

Zum Islam: „Sie haben gesagt, der Islam gehört zu Deutschland“, erinnert Maybrit Illner. Der Terror sei nicht im Islam begründet, weicht Merkel aus. Die übergroße Mehrheit  der Menschen wolle sich integrieren. Merkel spricht vom „grundgesetzkonformen Islam“, mit dem Hassprediger nichts zu tun haben, und ist sich mit Schulz einig. „Wir werden das bei uns nicht dulden.“ Schulz: „Da hat Frau Merkel recht.“

Sichere Herkunftsländer: „Die, die keinen Aufenthaltsstatus haben, müssen unser Land wieder verlassen.“ Auf die Frage, ob man die europäischen Grenzen schließen könne, weicht sie aus, spricht vom Fachkräftezuwanderungsgesetz der CDU. Die Hälfte der Zeit ist um.

Zur Türkei: Die Türkei entfernt sich von allen demokratischen Gepflogenheiten. Den Beitritt der Türkei zur EU müsse man  jedoch mit allen europäischen Partnern abstimmen, spielt Merkel Schulz den Vorwurf  zum Jahr 2015  zurück. Merkel ist gegen den Beitritt.

Nach einer Stunde  kommen die Deutschlandthemen – und wenig Überraschungen. Merkel punktet mit der Halbierung der Zahl der Arbeitslosen in ihrer Regierungszeit. Und: Niemand muss bis 70 arbeiten. „Frau Merkel, à la bonne heure. Ganz toll“, sagt Schulz. Die beabsichtigte  Ironie ist nicht  spürbar.

Max-Stefan Koslik

Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD): Sachlich souverän und brav

Das deutsche Fernsehen kann „TV-Duell“ nicht. Was gestern lief, war das energische Werfen mit Wattebäuschchen. Aber so was von energisch!

Wer seine Wahlentscheidung von diesem Duell abhängig machte, wird zumindest eine klare Erkenntnis gewonnen haben: In Sachen Außen- und Migrationspolitik ist Herausforderer Martin Schulz auf Augenhöhe mit der Kanzlerin.

Schulz startet mit zittriger Stimme und sichtlicher Anstrengung, bloß keinen Stockfehler zu begehen. Die erste Frage geht an den Herausforderer. Er pariert gut. Misslich allerdings, wenn der Moderator gefühlt länger fragt als der „Duellant“ antwortet.

Stilistisch versucht Schulz aggressiv zu wirken, ohne die Contenance zu verlieren. Er vermeidet es, Merkel persönlich anzugreifen.

Schulz kommt in der ersten Viertelstunde nur zweimal zu Wort. Moderator Claus Strunz muss sich von Schulz wegen einer tendenziösen Frage korrigieren lassen - die Zeit gönnt er sich.

Moderatorin Sandra Maischberger legt ihm dann quasi einen Elfmeter hin: Er habe Merkels Politikstil der „asymmetrischen Mobilisierung“ als einen „Angriff auf die Demokratie“ bezeichnet. Das hätte ein guter Start in einen wirklichen Disput zwischen den Duellanten werden können. Stattdessen verhakelt sich Schulz in Merkels charmanten Belehrungen. Fehlschuss. Was folgt, ist ein überdimensionierter Pseudostreit zu Migrations- und Außenpolitik.

Das Duell läuft eher zwischen den Moderatoren: nämlich darum, wer sich die „härteste“ Frage zu stellen traut. Die Moderatoren betätigten sich als Abfrager, ermöglichen aber kein echtes Duell.

In der Sache präsentieren sich Schulz und Merkel als geradezu perfektes Groko-Paar.

Erst nach einer ganzen Stunde wendet sich der Gesprächskreis der „sozialen Gerechtigkeit“ zu. Das muss Schulz in die Hände spielen. Kernthema des SPD-Wahlkampfs. Doch einzig bei der Pkw-Maut gelingt es ihm, die Kanzlerin in einen Streit zu verwickeln. Ansonsten bleibt es beim Werben fürs Wahlprogramm, jeder für sich.

Für die Innere Sicherheit bleiben schließlich knapp fünf Minuten. Das reicht nicht, sich zu profilieren. Da hilft auch der Endspurt zur Besoldung von Polizisten nicht mehr.

Michael Seidel

 
Kommentar von Andreas Herholz: Unentschieden reicht nicht

Am Ende gibt es nur Gewinner. Angela Merkels Parteifreunde sehen die Kanzlerin vorn. Die SPD-Anhänger dagegen feiern ihren Kandidaten Martin Schulz. Und um auf Nummer Sicher zu gehen, erklärten die Genossen den SPD-Chef im Internet bereits vor Beginn der Sendung schon mal zum klaren Sieger - noch eine peinliche Panne.

Nach dem TV-Duell ist vor dem TV-Duell, schließlich gilt es die Deutungshoheit über den Schlagabtausch im Fernsehstudio zu gewinnen. Es war die wohl letzte große Chance für Schulz. Im direkten Duell mit der Kanzlerin vor den Kameras im TV-Studio wollte Herausforderer bei einem Millionenpublikum punkten und die Stimmung drehen, den Abstand verkürzen und die eigenen Reihen noch einmal auf den letzten Metern motivieren.

Immerhin: Der angriffslustige SPD-Kanzlerkandidat hat nicht gepatzt, eine gute Figur gemacht, sich nicht schlecht geschlagen. Ob Flüchtlingspolitik, Erdogan, Trump, ob Rente, Maut oder Dieselaffäre - Schulz hat klare Kante gezeigt und setzt auf Konfrontation. Bereits im Vorfeld hatte Angela Merkel daran erinnert, dass das TV-Duell für sie in der Vergangenheit nicht immer nur super ausgegangen war. Auch diesmal wurde deutlich, dass das spontane Frage-Antwort-Spiel ohne Netz und doppelten Boden noch immer nicht zu ihren größten Stärken gehört. Um die ewige, seit zwölf Jahren regierende Kanzlerin allerdings ernsthaft ins Taumeln zu bringen, reicht dies nicht aus. Wer im Boxen den amtierenden Champion ablösen will, muss schon klar punkten, ihn besser noch zu Boden schicken. Ein Unentschieden reicht nicht aus.

Der von seinen Parteifreunden erhoffte Lucky-Punch, der glückliche K.o. aus der Bedrängnis heraus, ist ihm am Ende nicht gelungen. Angela Merkel hat im TV-Duell keine größeren Schwächen gezeigt, sich als pragmatische, ruhige und verlässliche Krisenmanagerin in einer unruhigen Welt präsentiert. In einem Land, das im Vergleich mit den europäischen Nachbarn wie eine wirtschaftliche Oase wirkt, in dem selbst Vollbeschäftigung möglich erscheint, ist es schwer, mit dem Mantra der sozialen Ungerechtigkeit zu punkten und Wechselstimmung zu erreichen.

Immerhin: Der Wahlkampf kommt auf Touren. Höchste Zeit drei Wochen vor der Entscheidung.

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