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Streitbar : Dürfen Christen AfD wählen?

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Rechtspopulisten geben sich gern christlich. Den beiden großen Kirchen ist das gar nicht recht, analysiert Benjamin Lassiwe.

von
erstellt am 18.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Im schwarzen Talar eines evangelischen Pfarrers stand Thomas Wawerka vor dem Berliner Kanzleramt. Wenige Tage vor Weihnachten und nur kurz nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche veranstaltete die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ (AfD) dort eine Mahnwache für die Terroropfer und demonstrierte gegen die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Björn Höcke war gekommen, Alexander Gauland stand dabei – und Wawerka trat ans Mikrophon, erinnerte daran, dass Christen die Pflicht zum Widerstand hätten, wenn Unschuldige bedroht seien, und sprach ein Gebet. Ein Auftritt, bei dem jeder Beobachter zuerst daran gedacht hätte, dass es sich bei Wawerka um einen echten Pfarrer handelte. Doch am nächsten Tag meldete sich die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens zu Wort. Wawerka sei zwar einst Pfarrer auf Probe dieser Landeskirche gewesen. Das Dienstverhältnis sei aber schon im August 2016 beendet worden. Er sei kein Pfarrer mehr und habe deswegen auch gar kein Recht mehr, einen Talar zu tragen.

Religion im Bierzelt

Der Auftritt des evangelischen Theologen bei einer Demonstration der AfD hatte Symbolkraft. Zum Ausdruck kommen sollte eine Verbindung zwischen den Kirchen und der AfD – schließlich berufen sich die Rechtspopulisten immer und immer wieder auf das „christliche Abendland“. In Bierzelten und auf Parteitagen, in Landtagsreden und auf Demonstrationen nehmen sie für sich dieselben Werte in Anspruch wie die beiden großen Kirchen – was Kirchenvertretern zunehmend übel aufstößt.

Denn natürlich, man ist nicht mehr in der Zeit Konrad Adenauers, als es selbstverständlich war, dass Christen am Wahlsonntag ihr Kreuzchen bei der CDU machten und vor allem die katholischen Bischöfe in ihren Predigten dazu aufriefen.

Was die Politik betrifft, sind die Kirchen plural geworden: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese und der CDU-Staatssekretär Thomas Rachel sitzen im Rat der EKD, die Synode der Nordkirche wird vom Grünen-Abgeordneten Andreas Tietze geleitet, und auf der Bundesebene steht mit Irmgard Schwaetzer eine ehemalige FDP-Politikerin dem Kirchenparlament vor. Selbst Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hält regelmäßig Bibelarbeiten auf Kirchentagen.

Mit der AfD dagegen möchten die Kirchen am Liebsten nichts zu tun haben. Denn oft genug folgen in den Reden ihrer Politiker nach der Beschwörung des christlichen Abendlandes fremdenfeindliche Parolen, oft genug folgt auf das Bekenntnis zum Christentum die Ablehnung des Islam. Und für beide großen Kirchen ist es mittlerweile identitätsstiftend, dass Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit unter ihren Dächern keinen Platz haben.

Können Christen also guten Gewissens die AfD wählen? Als die Rechtspopulisten mit einem zweistelligen Ergebnis im letzten Herbst in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern einzogen, zeigten sich Vertreter der evangelischen Nordkirche und der katholischen Erzbistümer Berlin und Hamburg besorgt. Besorgniserregend sei, „dass populistische und fremdenfeindliche Parolen in so großem Maße verfangen haben“, sagte der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, damals. Und der Mecklenburger Sprengelbischof Andreas von Maltzahn ergänzte: „Wer in einem demokratischen Verfahren gewählt wurde, ist damit nicht automatisch schon ein Demokrat.“

Seitdem haben die kirchlichen Stellungnahmen zur AfD nichts an Schärfe verloren, im Gegenteil. „Es existieren Grenzen, wo wir als Christen sagen: Da sind rote Linien“, sagte der Vorsitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, am vergangenen Donnerstag in Köln. „Ausländerfeindlichkeit, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, die Überhöhung der eigenen Nation, Rassismus, Antisemitismus, Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, aber auch eine abschätzige oder feindselige Art und Weise, miteinander zu reden.“ Grenzen, die die Alternative für Deutschland in schöner Regelmäßigkeit zu überschreiten pflegt. „Wo grob vereinfacht wird, wo Parolen zur Feindschaft beitragen – da kann ein Christ nicht dabei sein“, sagt Kardinal Marx. „Wir als Christen dürfen nicht den Stil von Scharfmachern und Fundamentalisten übernehmen.“

Klare Kante zeigen

Ganz ähnlich ist die Position der Protestanten: Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hatte schon im vergangenen Jahr, bei der Tagung der Synode der EKD in Magdeburg, erklärt: „Wir müssen klare Kante zeigen gegenüber allen Versuchen, völkisches Gedankengut und rechtsextremistische Kampfrhetorik in unserem Land wieder salonfähig zu machen.“ Der Kirche gehe es nicht um Diskussionsverbote – „um Hetzverbote geht es schon: Wer unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gegen andere hetzt, der muss gestoppt werden.“

Zum Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig waren Vertreter der AfD deswegen explizit nicht eingeladen worden. Und auch beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, der in diesem Jahr in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird sich die Teilnahme der Rechtspopulisten auf das absolute Minimum beschränken. Die als entschiedene Kritikerin der neurechten Szene bekannt gewordene Juristin Liane Bednarz und der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, diskutieren dort mit der AfD-Politikerin Anette Schultner. Das Thema des Podiums: „Können sich Christen in der AfD engagieren?“

Denn Schultner ist auch Sprecherin der „Bundesvereinigung Christen in der AfD“, einer Organisation, die sich massiv gegen Abtreibungen, den so genannten „Gender-Wahn“ und die Ehe von Schwulen und Lesben einsetzt. Und damit Positionen vertritt, die am konservativen Rand beider Kirchen salonfähig sind: Als im Herbst 2016 christliche Lebensschützer in Berlin demonstrierten, sandten nicht nur diverse Bischöfe der Veranstaltung ein Grußwort. Nein, unter die Demonstranten mischte sich, wie schon in den Vorjahren, auch die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch.

Auch anderswo gibt es Überschneidungen: In Brandenburg kandidiert ein evangelischer Prädikant auf der Landesliste der AfD für die Bundestagswahl. In Mecklenburg war ein Kommunalpolitiker der AfD Nachrücker für die dortige Kreissynode.

Keine Konsequenzen

Und harte Konsequenzen haben die beiden großen Kirchen bislang auch nicht gezogen: Noch wurde kein prominenter AfD-Politiker aus der Abendmahlsgemeinschaft ausgeschlossen – dabei gäbe es Vergleichsfälle: So hatte in den 1990er Jahren der damalige Generalsuperintendent von Cottbus, Rolf Wischnath, angedroht, dem Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm das Abendmahl zu verweigern, weil er in einer Nacht- und Nebelaktion 74 Flüchtlinge aus ihren Asylheimen holen und abschieben ließ. Das Ergebnis war eine politische Diskussion über die Flüchtlingspolitik.

Ähnliche Fälle fanden seither nicht mehr statt. Vorerst setzen die Kirchenvertreter auf eine sachliche und kritische Auseinandersetzung mit der AfD, einen „Diskurs strittigster Art“, wie es der katholische Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, am Rande der Deutschen Bischofskonferenz formulierte. Dass auch Christen bei den anstehenden Wahlen ihr Kreuz für die AfD machen, werden die Kirchen nicht verhindern können. Aber zumindest kirchliche Ämter, etwa der Vorsitz eines Kirchgemeinderates, dürften öffentlich auftretenden AfD-Vertretern in Zukunft wohl verschlossen bleiben, sagt der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm: „Wenn in Parteiprogrammen oder von Personen offen menschenfeindliche Positionen vertreten werden, ist das mit einem Amt in unserer Kirche nicht vereinbar.“

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