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Sensationelles Video : Die Spion-Legende und die Stasi

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sensationelles Video zeigt britischen Doppelagent Harold „Kim“ Philby bei einem Vortrag für die Staatssicherheit

svz.de von
erstellt am 05.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Kim Philby, der britische Meisterspion und Doppelagent, hatte gute Ratschläge für die Stasi. Ein sensationelles Video, das die BBC im Berliner Stasi-Archiv ausgraben konnte und am Montagabend in Auszügen ausstrahlte, zeigt Kim Philby, wie er 1981 vor einer Gruppe von Geheimdienstoffizieren der Staatssicherheit ein Seminar gibt. Es sind die ersten Filmaufnahmen, in denen der britische Landesverräter über sein Leben und seine Arbeit spricht – von der ersten Anwerbung durch den KGB bis zur Flucht nach Moskau.

Kim Philby war der berühmteste Agent Ihrer Majestät und gleichzeitig der größte Verräter des britischen Geheimdienstes MI6. Kein Wunder, dass Stasi-Chef Markus Wolf entzückt war, die lebende Legende für einen Vortrag gewinnen zu können. Das Video zeigt, wie Wolf, für westliche Dienste zu jener Zeit der „Mann ohne Gesicht“, weil es keine Fotos von ihm gab, den Briten vorstellt. Dann holt Philby zu einem einstündigen Vortrag aus, der zu einer Meisterklasse im Verrat wird.

„Liebe Kameraden“, beginnt Philby in einem typischen englischen Oberklassenakzent, ,ich muss Sie warnen, ich bin kein guter Redner. Immerhin habe ich mein Lebtag lang versucht, Publizität jeder Art zu vermeiden.“ Dann referiert der Brite, wie er es geschafft hatte, sich bis in die obersten Ränge des MI6 hochzuarbeiten und wie er „30 Jahre im Feindeslager“ überlebte. Geboren als Sohn eines britischen Diplomaten, wurde Philby auf Privatschulen erzogen und studierte an der Elite-Universität von Cambridge. Dort wurde er zum glühenden Kommunisten. Nachdem er in den 30er-Jahren mit Aktivisten in Österreich gearbeitet hatte, warb ihn später in London der KGB-Agent Arnold Deutsch an. „Es war ein langfristiges Projekt“, kommentiert Philby, denn immerhin hatte er zu dieser Zeit keine Aussichten auf einen Regierungsjob.

Der künftige Doppelagent brauchte Jahre, um sich an sein Ziel, den „Secret Intelligence Service“, besser bekannt als MI6, heranzurobben. Er wurde Journalist, arbeitete für die „Times“, berichtete als Korrespondent über den spanischen Bürgerkrieg und knüpfte Kontakte im Establishment, wobei er andeutete, wie gerne er für die Regierung arbeiten würde. Als der Zweite Weltkrieg begann, warb ihn der MI6 an. Er stieg schnell auf. 1944 wurde er zum Leiter der „Section V“, der antisowjetischen Abteilung des MI6 ernannt. Der KGB-Maulwurf war endgültig angekommen.

Philby beschreibt, wie leicht es für ihn war, Geheimnisse zu stehlen. „Ihr habt alle Geschichten davon gehört“, spricht er sein Stasi-Publikum an, „dass der Secret Intelligence Service eine Organisation von mythischer Effizienz wäre, sehr, sehr gefährlich. Nun, in Kriegszeiten war er es nicht.“ Er habe sich mit dem Mitarbeiter im Archiv angefreundet und sei mit ihm zwei, drei Mal pro Woche einen trinken gegangen. Danach wäre es für ihn einfach gewesen, sich Dokumente zu beschaffen. „Jeden Abend bin ich nach Hause gegangen mit einer großen Aktentasche voll von Berichten, die ich selbst geschrieben habe, sowie Akten und Dokumente vom Archiv. Ich übergab sie meinem sowjetischen Kontakt und am nächsten Morgen bekam ich sie zurück, nachdem der Inhalt fotografiert worden war. Ich habe sie dann frühmorgens zurück an ihren Platz gebracht. Das habe ich regelmäßig jahrein, jahraus so gemacht."

Im Mai 1951 flohen Guy Burgess und Donald Maclean, zwei andere britische Doppelagenten, nach Moskau. In London begann die Jagd nach dem „dritten Mann“, dem hochrangigen Maulwurf, der ihnen geholfen hatte, und Philby geriet unter Verdacht. In seinem Vortrag verrät er, warum er trotz mehreren Verhören nicht enttarnt wurde. Zum einen läge es am britischen Klassensystem, immerhin sei er in „die herrschende Klasse des Empires“ hineingeboren worden, die einfach nicht hätte akzeptieren wollen, dass zu ihren Reihen ein Verräter gehören könnte.

Zum anderen hätte MI6 zu viel zu verlieren gehabt, wenn bekannt geworden wäre, dass er als Doppelagent gearbeitet hätte. Zum Skandal kam es dann erst zwölf Jahre später, als Philby 1963 selbst nach Moskau floh. Sein Rat für den Stasi-Nachwuchs? „Niemals gestehen!“ Alles, was er tun musste, so Philby, „war die Nerven zu behalten. Mein Tipp ist also, allen euren Agenten zu sagen, dass sie nie gestehen dürfen.“

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